Walmart und der Konsum ultrahochverarbeiteter Ernährung in den USA
Von Helmuth (22.03.2026)
1. Der Konsum von ultrahochverarbeiteter Nahrung hat in den letzten Jahrzehnten weltweit deutlich zugenommen und liegt inzwischen bei weit über 50 % aller eingenommener Kalorien pro Tag. Gleichzeitig ist seit langer Zeit auch klar, dass diese Ernährung eine Vielzahl von chronischen Krankheiten häufiger werden lässt. Die Tabelle unten (basierend auf [1]) zeigt die jeweilige Erhöhung des Risikos für verschiedenste Erkrankungen. Die Spalte rechts ist so zu lesen, dass die prozentuale Erhöhung des Risikos durch die beiden Zahlen nach der 1 abzulesen ist (1•90 = 90 % Erhöhung des Risikos, 1•33 = 33-prozentige Erhöhung des Risikos).

Deutlich wird, bei wie vielen Erkrankungen (Morbus Crohn, Diabetes Typ 2, chronische Nierenerkrankung, koronare Herzerkrankungen usw.) ein hoher Anteil an ultrahochverarbeitete Nahrung in der Ernährung zu einem Anstieg des Risikos führt, diese zu bekommen. Inzwischen ist ein Zustand erreicht, wo weltweit mehr Kinder an Übergewicht als an Unterernährung leiden.
2. Walmart ist der größte Einzelhändler in den USA, mit einem Marktanteil von über 25% im Lebensmitteleinzelhandel. Target ist ein anderer großer Einzelhändler, der immerhin für über 22 % der Nahrungsmittelverkäufe in den USA verantwortlich ist. Ihre Marktmacht basiert stark auf dem Verkauf von hochverarbeiteten Lebensmitteln, wie ein Vergleich mit dem Anbieter Whole Foods zeigt. Die Abbildung [2] zeigt auf der X-Achse die Höhe der Verarbeitung (null = roh, unverarbeitet – 1 = maximal verarbeitet). Die Y-Achse zeigt die Häufigkeit der Waren im Angebot. Hochverarbeitete Nahrungsmittel sind bei Walmart und Target viel häufiger als bei Whole Foods, wie die rechts nach oben gehenden Kurven zeigen.

3. Walmart konzentriert sich auf niedrige Nahrungsmittelpreise und verdrängt kleinere Lebensmittelläden. Eine Analyse aus dem Jahr 2018 ergab, dass Walmart in 203 Gebieten der USA 50 Prozent oder mehr des Lebensmittelumsatzes auf sich vereinte. In 38 dieser Regionen betrug der Marktanteil von Walmart im Lebensmittelbereich 70 Prozent oder mehr. Dabei konzentriert sich Walmart im Vergleich zu anderen Anbietern wie Target auf ländliche und suburbane Gebiete, in denen die Einkünfte niedrig sind.[3]
Wie deutlich billiger hochverarbeitete Nahrungsmittel im Vergleich zu niedrig verarbeiteten sind, zeigt die folgende Tabelle (basierend auf [4]). Eine Kalorie aufgenommen aus einem künstlich-hochverarbeiteten Getränk (3. Zeile von oben) z. B. ist fast 70 % billiger als aus einem ein niedrig verarbeiteten. Umgekehrt ist eine Kalorie aufgenommen in Form von frischem Käse (2. Zeile von unten) über 1 % billiger als verpackter, hochverarbeiteter.

Niedrige Preise bedeuten bei Walmart aber nicht niedrige Gewinne. Der Nettogewinn von Walmart lag 1990 bei 1,076 Mrd., 2000 bei 5,377 Mrd. und 2020 bei 14,881 Mrd. Dollar. Dabei liegen die Einkommen der VerkäuferInnen und LagerarbeiterInnen bei Walmart, wenn überhaupt, nur wenig über dem US-amerikanischen Mindestlohn. Walmart ist auch brutal gegenüber landwirtschaftlichen Lieferbetrieben. Laut einer Gruppe von ehemaligen Beamten des US-Landwirtschaftsministeriums glauben weniger als die Hälfte der amerikanischen landwirtschaftlichen Betriebe 2026 Gewinn zu erzielen, während die von Walmart steigen.[5]
4. Die Folge dieser Niedrigpreispolitik: gerade Familien mit geringem Einkommen kaufen hochverarbeitete Nahrungsmittel. Dabei lag die relative Armutsrate in den USA (der Anteil der Bevölkerung, die über weniger als die Hälfte des Medianeinkommens verfügt), 2021 mit 18 Prozent innerhalb der OECD nur in Costa Rica noch höher. In der Gruppe der Armuts- bzw. Armutsnahen Bevölkerung wächst der Griff zu solchen Lebensmitteln speziell bei denen, die nahe an der Armutsgrenze sind, aber noch über ihr liegen [6]: vermutlich, weil die ärmste Gruppe überhaupt keine geregelten Lebensmitteleinkäufe mehr vornimmt. Immerhin jeder 7. US-amerikanische Haushalt hatte 2024 Schwierigkeiten, sich hinreichend Lebensmittel leisten zu können.[7]
Das ist aber nicht er einzige Mechanismus für die wachsende Verbreitung von hochverarbeiteter Nahrung: Während in der Stadt noch viele kleine Läden bestehen, sterben genau solche im ländlichen Bereich aus - übrig bleiben Walmartzentren oder Billigsupermärkte (Dollar General oder Family Dollar), die nur noch hochverarbeitete Nahrungsmittel im Sortiment haben. Damit konzentriert sich die Folge des Konsums von hochverarbeiteten Lebensmitteln bei denen, die sich überhaupt noch regelmäßig Nahrungsmittel leisten können (per Großeinkauf) und eher nicht in der Stadt wohnen.
Eine entsprechende Untersuchung hierzu kommt zu dem Schluss: Die Nähe von Fast-Food-Läden ist positiv und signifikant mit Fettleibigkeit assoziiert. Die Dichte von frischem Obst und Gemüse sowie die Nähe zum Supermarkt sind mit weniger Fettleibigkeit verbunden (bzw. Normalgewicht verbunden).[8]
5. Der übermäßige Genuss von ultrahochverarbeiteten Lebensmitteln wirkt wie ein Angriff auf den biologischen Körper
Der übermäßige Konsum von ultrahochverarbeiteten Lebensmitteln erhöht das Risiko zu Übergewicht um ca. 1/3. In den USA werden inzwischen 60 % aller Kalorien über den Konsum dieser Lebensmittel aufgenommen, in Europa sind es zwischen 14% und 44 %. Im Vergleich zu Supermärkten in Europa führen Walmart und Target mehr ultraverarbeitete Lebensmittel im Sortiment. Eine wissenschaftliche Untersuchung kommt damit zu dem Schluss: "Eine gesunde Ernährung in den Vereinigten Staaten ist eine Herausforderung, die durch die hohe Verfügbarkeit und Zugänglichkeit ultraverarbeiteter Lebensmittel erschwert wird – selbst bei Alltagsprodukten, die den größten Teil der Ernährung der Bevölkerung ausmachen." [9]
Die langfristigen Konsequenzen sind an der Zahl übergewichtiger Erwachsener in den USA und Europa und an der Zahl der Todesfälle in Folge von Übergewicht ablesbar, die die beiden Abbildungen unten zeigen (wobei ganz ähnliches für den Diabetes Typ II gilt, der inzwischen doppelt so häufig in den USA ist wie in Europa).


Die Verdrängung von anderen Lebensmittelmärkten, speziell in ländlichen Regionen, und die Dominanz von ultrahochverarbeiteten Lebensmitteln in den Regalen von Walmart bewirken so eine direkte Veränderung von Körpergestalt und relativer Lebenserwartung der US-amerikanischen Bevölkerung. So ist z.B. Übergewicht in ländlichen Regionen der USA um über 6 % häufiger als in städtischen Regionen,[10] wobei es solche Unterschiede in Europa nicht gibt.
6. Der übermäßige Genuss von ultrahochverarbeiteten Lebensmitteln wirkt vergleichsweise wie ein Angriff auf das Körper- und Selbstwertgefühl und auf den sozialen Zusammenhang. Ultrahochverarbeitete Nahrung ist auch mit einem um 40 % gesteigertem Risiko unter Depressionen oder Angst zu leiden assoziiert wie mehrere Untersuchungen zeigen. [11] [12]
Ultrahochverarbeitete Nahrungsmittel sind Teil einer breiten Veränderung der Fähigkeiten zur sozialen Interaktion und der Lebensverhältnisse in Partnerschaft und Familien, denn mit ihrer Verbreitung nimmt die Fähigkeit des Kochens und die Gemeinsamkeit des Essens in Familien ab. Der Verzehr ultrahochverarbeiteter Nahrung ist zudem unter Alleinlebenden höher als bei Personen, die in Gemeinschaft leben.[13]
7. Körper und Kapitalismus
In den USA liegt die offizielle Armutsquote 2024 bei 11.5 %, was inzwischen einigermaßen niedrig wäre. Legt man allerdings ein Warenkorbmodell für Grundbedürfnisse zugrunde, dann können 43 Prozent aller Familien ihre Grundbedürfnisse nicht erfüllen, mit 59 bzw. 66 Prozent der schwarzen und hispanischen Familien gegenüber 37 Prozent der weißen Familien.[14]
Der Kapitalismus mit seinem Nahrungsmittelregime (maximale Haltbarkeit von Nahrungsmittel zur Ermöglichung von abgepackten Regalangeboten in Handelsketten wie Walmart und Target mit minimaler und schlecht bezahlter Zahl von VerkäuferInnen und vergleichsweise höchsten Gewinn) bedient diese armutsnahe und teilweise vereinsamte bzw. deprivierte Bevölkerung, denen der Kauf und die Zubereitung teurerer Nahrung nicht möglich ist.
Dabei schreibt er sich in die menschlichen Körper und Seelen ein: als Übergewicht, als Diabetes II, als Ursache von Herzinfarkt und von Depressionen. Und trägt seinen Teil bei zum Verlust von sozialer Interaktion und Kooperation in Familien und Paaren.
My body? Für viele: no choice!
Literaturhinweise
[1] Monteiro C et al. Ultra-processed foods and human health: the main thesis and the evidence- The Lancet, 2025; 406, 2667-2684
[2] Julia A Wolfson et al.: Trends in Adults’ Intake of Un-processed/Minimally Processed, and Ultra-processed foods at Home and Away from Home in the United States from 2003–2018, The Journal of Nutrition,155, 1, 2025, Pages 280-292, https://doi.org/10.1016/j.tjnut.2024.10.048.
[3] https://www.analysisgroup.com/globalassets/insights/publishing/2024_understanding_walmarts_impact_on_the_us_economy_and_communities.pdf
[4] Julia A Wolfson et al.: Trends in Adults’ Intake of Un-processed/Minimally Processed, and Ultra-processed foods at Home and Away from Home in the United States from 2003–2018, The Journal of Nutrition,155, 1, 2025, Pages 280-292, https://doi.org/10.1016/j.tjnut.2024.10.048.
[5] https://www.americanprogress.org/article/stopping-sticker-shock-at-the-grocery-store-a-plan-to-make-food-more-affordable/
[6] Julia A Wolfson et al.: Trends in Adults’ Intake of Un-processed/Minimally Processed, and Ultra-processed foods at Home and Away from Home in the United States from 2003–2018, The Journal of Nutrition,155, 1, 2025, Pages 280-292, https://doi.org/10.1016/j.tjnut.2024.10.048.
[7] https://www.americanprogress.org/article/stopping-sticker-shock-at-the-grocery-store-a-plan-to-make-food-more-affordable/
[8] Pineda E et al. Food environment and obesity: a systematic review and meta-analysis. BMJ Nutrition, Prevention & Health. 2024;7. https://doi.org/10.1136/bmjnph-2023-000663
[9] https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2024.02.16.24302894v1.full
[10] https://www.ers.usda.gov/amber-waves/2025/august/us-obesity-rate-changes-differ-for-rural-and-urban-areas-as-well-as-across-regions
[11] Shuhui Dai et al.: Ultra-processed foods and human health: An umbrella review and updated meta-analyses of observational evidence, Clinical Nutrition, 43, 6, 2024, 1386-1394, https://doi.org/10.1016/j.clnu.2024.04.016.
[12] Menon R. et al.. Dietary Behavior and Risk of Depression: Effects of Ultra-Processed Food and Water Intake in a National Sample of the United States. J Clin Med Res. 2026;18(2):107-119. doi:10.14740/jocmr6448
[13] Dicken SJ et al. Who consumes ultra-processed food? A systematic review of sociodemographic determinants of ultra-processed food consumption from nationally representative samples. Nutrition Research Reviews. 2024;37(2):416-456. doi:10.1017/S0954422423000240
[14] https://www.brookings.edu/articles/how-many-are-in-need-in-the-us-the-poverty-rate-is-the-tip-of-the-iceberg/
ALSO
Rosa Luxemburg Stiftung