Gleichen sich Einkommen und ökonomische Entwicklung zwischen den Ländern im wachsenden Maße an, d.h. sind linke Imperialismustheorien „Schnee von gestern“?
ason Hickel und Dylan Sullivan haben diese Frage anhand der Daten des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf für 173 Länder (99,87 % der Weltbevölkerung) von 1960 bis 2023 untersucht und für den Kern von Industrieländern mit der Peripherie von „Entwicklungsländern“ verglichen. Rauskommt, dass die ökonomische Lücke zwischen beiden sich seit 1960 je um 170–270 % vergrößert hat und die Industrieländer 4- bis 10-mal mehr Produktionszuwachs verbucht haben als die Peripherie (siehe Abbildung unten). 18 kleine Staaten (Südkorea, Taiwan, Singapur, Hongkong, Portugal, Griechenland, Israel, tschechische/baltische Staaten u. a.) wechselten von der Peripherie zu den industrialisierten Ländern. Sie machen aber nur 1,9 % der Weltbevölkerung aus. Entsprechend ist der Bevölkerungsanteil der Peripherie nicht gesunken, sondern von 79,6 % (1960) auf 86,4 % (2023) gestiegen.

Der gesamte relative Fortschritt der Peripherie ist praktisch ausschließlich Chinas Aufstieg zu verdanken. Ohne China hat sich die Position der Peripherie sogar verschlechtert. Doch selbst China erreicht aktuell nur 22–38 % des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf im Vergleich mit dem Kern der Industrieländer – vergleichbar mit dem Niveau, das Lateinamerika oder Osteuropa bereits in den 1960/70ern hatten.
Die Kern-Peripherie-Spaltung ist also kein Rückstand, der gerade aufgeholt wird, sondern das Ergebnis struktureller Machtverhältnisse. Echte Entwicklung im globalen Süden erfordert wirtschaftliche Souveränität, Industriepolitik, Süd-Süd-Handel und eine Abkopplung („delinking") vom bestehenden imperialen Weltwirtschaftssystem – Konvergenz sind innerhalb der aktuellen Struktur der Weltwirtschaft auch zukünftig kaum zu erwarten.
Quelle: Jason Hickel & Dylan Sullivan: The myth of catch-up development: trends in core–periphery inequality from 1960 to 2023, https://doi.org/10.1080/13563467.2026.2659076
Geschrieben von Helmuth
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