Hallo Uli,

dein Vortrag und die Reaktion im LiFo macht mir immer noch zu schaffen... Es ist für mich ganz unerträglich, mich als progressive „We Care“ Vertreterin zu betrachten. Ich habe jetzt, um Dampf abzulassen, einen Kommentar auf deinen Vortrag verfasst.

Stigmatisierung gegen Anerkennung

Der Vortrag begann mit der These einer Polarisierung zwischen zwei verfestigten Grundhaltungen in der Gesellschaft, die angeblich durch die Ausübung bestimmter Berufe bedingt sein sollen. Die einen kümmern sich um das Gemeinwohl „We Care“ (technische bzw. kulturelle Eliten, während die anderen „WE First“ (Produktionsarbeiter) stets bestrebt sind ihren individuellen ökonomischen Nutzen zu optimieren. Es ist nach diesem Einstieg erstaunlich, dass diese durch berufliche Erfahrungen (wie genau?) geformten Identitäten doch verändert werden können. Da beide Gruppen die jeweilige Grundorientierung durch beruflich Sozialisation erworben haben, sollen moralische Kriterien nicht angewandt werden (hat man dann weniger Verantwortung für sein Tun und Denken?) Eine Stigmatisierung der „WE First“ besteht natürlich trotzdem, da die diesen zugeschriebenen persönlichen Eigenschaften in unserem Wertesystem keine Anerkennung erfahren. Apropos Anerkennung: Für Honneth ist Anerkennung zentral für ein gelingendes Leben und eine gerechte Gesellschaft. Für ihn müssen die Individuen in drei Sphären Anerkennung erfahren: 1. Liebe: (Erfahrung von emotionaler Zuwendung im privaten Raum) 2.Recht: (Anerkennung als gleichwertiges Rechtssubjekt im Staat) 3. Solidarität: (Soziale Wertschätzung die ein Individuum durch die Gesellschaft erfährt). Man könnte mit Reckwitz sagen, dass soziale Wertschätzung strukturell im Kapitalismus nicht gleich verteilt ist, bei den We First liegt es wohl eher an ihrem Sosein. Die Vorurteilsfoschung hat vor den Folgen der Klassifizierung von sozialen Kollektiven gewarnt also: die Juden sind . . , die Schwarzen sind . . , die Migranten sind .. , die Deutschen sind .. .. die Produktionsarbeiter sind …. ? 

Konstruktion des We First als Idealtyp (1)

als Homo Oeconomicus: dabei handelt es sich um ein theoretisches Modell der Wirtschaftswissenschaften, das einen idealisierten Marktteilnehmer beschreibt. Wir kennen diesen Typus bereits von Adam Smith und seiner invisible hand. Die traditionelle Ökonomik hängt weiter diesem Menschenbild an, das immer auch eine normative Seite hatte. (Siehe auch Bernd Siebenhüner: Homo sustinens) Als Beschreibung kapitalistischer Wirtschaftssubjekte leuchtet das auch unmittelbar ein. Es ist nicht zu verstehen, wie dieses Konzept alleinig auf Produktionsarbeiter angewandt werden kann. Bei der Haben Orientierung geht es ebenfalls um eine Analyse der westlichen Gesellschaft, die aus Sicht Erich Fromms in „Haben oder Sein“ zunehmend vom Streben nach Besitz, vom fassadenhaften, markt- und konsumorientierten „Haben“ dominiert wird. Auch hier wird dem analytischen Konzept von Fromm die Spitze genommen, wenn Konsumismus lediglich auf Produktionsarbeiter bezogen wird. Überbordenden Konsum, der sich bei SUVs, Kurztrips für eine Oper an der Mailänder Scala etc. beim der CO² Ausstoß bemerkbar macht, findet man eher die Mittel- und Oberklasse. 1 Während die Idealtypen von Max Weber rein abstrakte, geschichtsunabhängige Modelle sind z.B. Herrschaftsmodelle sind u. Schachtschneiders Typen mit handfesten gesellschaftlichen Kräften verbunden Empirie Empirische Daten können Thesen unterstützen oder als eher abwegig erscheinen lassen. Sie bleiben abhängig von Interpretrationen. Hier die von Mau und Eversberg. Mau untersucht Einstellungen zu Klimakrise und begründet sie mit unmittelbaren Erfahrungen nicht etwa mit dem Berufsstatus generell. Er schreibt, dass die Einstellung von Arbeitern zum Klimawandel nicht von einer Leugnung der Klimakrise geprägt sind, sondern von massiven Existenzängsten und ungleicher Lastenverteilung. Der Protest richtet sich nicht gegen den Umweltschutz, sondern gegen soziale Ungerechtigkeit und politischer Umsetzung. Dennis Eversberg sieht gemeinsame Mentalitäten, die von ihm als tief verinnerlichte Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster konfiguriert werden. Diese entstehen als Produkt von Erfahrungen mit der sozialen und natürlichen Umwelt. Es geht um Menschen, die eine ähnliche soziale Lage teilen und gemeinsame Alltagswelten und Gewohnheiten. Produktionsarbeiter und Beschäftigte im industriellen Sektor stehen im Zentrum dieser Stigmatisierung. Auch hier wie bei dir gibt es einen Ansatz zur Essentialisierung. Allerdings sieht Eversberg die Zusammenhänge genauso wie Mau. Und er sieht auch, dass der Widerstand gegen eine echte, tiefgreifende sozial-ökologische Transformation aus der Besitz- und Wirtschaftsklasse (dem ökonomischen Bürgertum) sowie deren politischer Vertretung kommt. Diese Gruppen blockieren den Wandel selten plump oder leugnen den Klimawandel. Stattdessen nutzen sie ihre politische Macht, um die Transformation auf ein grünes Wachstum („Green Growth“) und ein rein technologisches Vorgehen zu beschränken. Sie wehren sich massiv gegen ordnungspolitische Eingriffe (Verbote, Steuern auf Vermögen/Gewinne) oder Postwachstumsansätze (Degrowth), die ihre ökonomischen Interessen oder Marktprivilegien gefährden würden.  

(1)       Während die Idealtypen von Max Weber rein abstrakte, geschichtsunabhängige Modelle sind z.B. Herrschaftsmodelle sind u. Schachtschneiders Typen mit handfesten gesellschaftlichen Kräften verbunden

 

Liebe Birgit,

ich denke es ist normal (wenn nicht sogar erwünscht), nicht mit allem was im LiFo vorgetragen wird, einverstanden zu sein. Wir sind ein linker Diskussionsraum.  Auf ein paar Dinge deiner Kritik möchte ich kurz eingehen:

* die Polarisierung ensteht nicht durch bestimmte Berufe. Ich habe  eine Reihe möglicher Ursachen angesprochen, berufliche Prägungen  sind ein Punkt davon, ich nehme aber keine Priorisierung von Gründen  vor.

* du mahnst den Honneth'schen Anerkennungs-Topos an: Zustimmung: Die We First-Seite erfährt weniger/mangelnde Anerkennung, darüber habe ich auch geredet und das ist gerade ein Grund für die We First-Orientierung

* deutlich widersprechen muss ich, wenn du Ergebnisse empirischer Sozialforschung als vorurteilsbeladene Klassifizierung betrachtest.  Es gibt nun einmal signifikante Ergebnisse der Befragungen, unterschiedliche Ergebnisse je nach Berufsklasse. Ist für dich die Darstellung von Korrelationen eine Vorurteilsproduktion?

* natürlich steckt in jedem ein Stück homo oeconomicus , genauso wie  ein Stück homo oecologicus, allerdings mit unterschiedlicher  Gewichtung. Ich habe nicht gesagt, dass diese Orientierung nur bei Produktionsarbeitern vorkommt. Sie ist dort aber häufiger.

* dito für Haben-Orientierung.

* ich nehme keine Essentialisierung vor. Die Ausprägung der Mentalitäten/Orientierungen müssen (und dürfen) keineswegs so bleiben. Mein Ausweg bzw. meine Strategieempfehlung besteht ja gerade darin, die Synthese zwischen beiden zu suchen.

* Wo sehen Eversberg und Mau, dass der Widerstand gegen sozial-ökologische Transformation aus der "Besitz- und Wirtschaftsklasse" (wer ist das?) kommt? Eversberg arbeitet ein  regressives Lager heraus, Mau et al zeigen mit ihren quantitativen  Daten als auch ihrer qualitativen Auswertung der Fokusgruppengespräche,  dass die politischen Widerstände gegen mehr ökologische  Transformation (zB gegen Windräder und mehr Klimaschutz "bei uns"), aber auch gegen eine  soziale Transformation in Richtung mehr Solidarität bei bestimmten Berufsklassen (zB  eben den Produktionsarbeitern) verbreiteter sind (zB Sozialhilfe kürzen,  Arbeitspflicht für Hilfeempfänger). Auch deren Wahlentscheidungen sprechen eine unüberhörbare Sprache: 60% der Arbeiter wählen inzwischen AFD und sie wissen was sie tun: sie wählen sie eben nicht, obwohl sie vielleicht eigentlich einen Ausbau von Grundrechten oder mehr Sozialstaat wollen.

Soweit..
Ulrich