Farschid Zahedi hat einen Offenen Brief an die Organisator*innen  des Ostermarsches geschrieben. Grund war das Zeigen der Flagge der Islamischen Republik Iran auf der Kundgebung vor der Demo.

Im Linken Forum gibt es zwei unterschiedliche Stellungnahmen dazu. Im Folgenden also zuerst der Offene Brief und dann Kommentar I und II:

Offener Brief an die Organisator*innen und Teilnehmer*innen des Ostermarsches 2026 in Oldenburg 

Öffentlicher Protest
Sehr geehrte Organisator*innen, sehr geehrte Teilnehmer*innen, 
hiermit erhebe ich öffentlichen Protest gegen das, was beim Ostermarsch am 4. April 2026 in Oldenburg geschehen ist. 
Auf einer Friedensdemonstration wurde die Flagge der Islamischen Republik Iran offen getragen und geduldet. Ein Regime, das seit Jahrzehnten für Unterdrückung, systematische Gewalt und die brutale Verfolgung von Demonstrant*innen steht, wurde damit sichtbar in einen Raum getragen, der eigentlich für Frieden, Menschenrechte und Solidarität stehen sollte. Das ist ein untragbarer Widerspruch.
Besonders schwer wiegt, dass vielen von Ihnen die Realität im Iran bewusst ist:

Zehntausende Menschen sind in jüngster Zeit Opfer staatlicher Gewalt geworden. Darüber hinaus werden Frauen, queere Menschen sowie ethnische und religiöse Minderheiten – darunter insbesondere Kurden - systematisch unterdrückt, entrechtet und verfolgt. Wer unter diesen Umständen die Symbole dieses Systems toleriert, stellt die Glaubwürdigkeit einer Friedensbewegung grundsätzlich infrage.
Ich habe vor Ort mehrfach das Gespräch gesucht und gefordert, diese Flagge zu entfernen. Meine Einwände wurden ignoriert. Diese Ignoranz ist nicht nur enttäuschend - sie ist respektlos gegenüber den Opfern politischer Gewalt sowie gegenüber den vielen Exil-Iraner*innen die auch in Oldenburg leben. Für diese Menschen bedeutet die Präsenz eines solchen Symbols Angst, Einschüchterung und eine reale Bedrohung. Die mögliche Nähe zu Netzwerken der Revolutionsgarde verstärkt diese Sorge zusätzlich.
Deshalb sage ich klar und unmissverständlich: Man kann nicht glaubwürdig für Frieden eintreten und gleichzeitig Symbole eines unterdrückerischen Regimes dulden. Wer gegen Krieg ist, muss auch gegen die Islamische Republik Stellung beziehen. Alles andere ist politische Doppelmoral.
Dieser Brief ist nicht nur Kritik - er ist ein öffentlicher Protest.Ich fordere:
- eine klare öffentliche Stellungnahme der Organisatoren,
- eine eindeutige Abgrenzung von der Islamischen Republik und ihren Symbolen,
- sowie verbindliche Konsequenzen für zukünftige Veranstaltungen.
Ich rufe zugleich alle Teilnehmer*innen und die Öffentlichkeit dazu auf, diese Widersprüche nicht zu akzeptieren und sich klar für Menschenrechte, Freiheit und echten Frieden zu positionieren.
Ich bitte alle ausdrücklich, diesen offenen Brief weiterzuverbreiten – an Freund*innen, Bekannte, Kolleg*innen sowie über soziale Medien -, damit dieses Thema die notwendige Aufmerksamkeit erhält.
Frieden ohne Gerechtigkeit ist kein Frieden.Schweigen angesichts von Unterdrückung ist keine Neutralität - es ist Zustimmung.
Mit Nachdruck und in öffentlicher Verantwortung
Farschid Zahedi, Filmemacher aus Oldenburg, Mitglied der iranischen Initiative Iranhaus e.V.v

Kommentar I:

Nationalflaggen, schon gar nicht solche von agressiven, internationales Recht und Menschenrechte verachtenden Nationen (Iran, Israel, USA, Russland etc..), haben auf Friedensmanifestationen nichts verloren. Sie stellen einen Missbrauch des Veranstaltungszwecks dar. Wer antiimperialistische Inhalte o. ä. verbreiten möchte, soll dafür eine eigene Demo organisieren. (Ulrich, Achim)

Kommentar II, geschrieben von Helmuth: 

Farschid Zahedi schreibt einen offenen Brief an die Organisator*innen und Teilnehmer*innen des Ostermarsches 2026 in Oldenburg. 
Zitat: „Auf einer Friedensdemonstration wurde die Flagge der Islamischen Republik Iran offen getragen und geduldet. Ein Regime, das seit Jahrzehnten für Unterdrückung, systematische Gewalt und die brutale Verfolgung von Demonstrant*innen steht, wurde damit sichtbar in einen Raum getragen, der eigentlich für Frieden, Menschenrechte und Solidarität stehen sollte. Das ist ein untragbarer Widerspruch… Schweigen angesichts von Unterdrückung ist keine Neutralität – es ist Zustimmung.“
Die Empörung, die er empfindet, ist auf der menschlichen Ebene nachvollziehbar, 
angesichts der vielen Opfer des Regimes und angesichts Farschid Zahedis fortlaufender Bemühungen, nicht nur während der letzten Proteste Solidarität in Oldenburg zu organisieren - an denen ich, wenn es zeitlich ging, immer wieder teilgenommen habe.

Den Tenor des offenen Briefs kann ich aber trotzdem nicht unterstützen. 
1) Denn welche Stellung die Personen mit iranischer Fahne zum Regime haben, wissen wir nicht. Und diese zentrale Frage wird durch Farschid Zahedis Schreiben auch nicht beantwortet. Dass die Fahne  einen positiven Bezug auf das Regime zum Ausdruck bringen sollte, ist so bloße Unterstellung (Jesse Welles, ein aktueller US-amerikanischer Folk- und Rocksänger, singt meistens vor US-amerikanischer Fahne, ist aber alles andere als ein Reaktionär).
2) Wenn also die Fahne gezeigt wurde im Sinne einer nationalistischen Linken oder Friedensbewegtheit, dann ist das zwar wenig empathisch. Aber da dies eine Bündnisveranstaltung war, gibt es keinen Grund, dagegen vorzugehen. Immerhin argumentiert auch das BSW nationalistisch für Frieden - im Kontext eines Bündnisses müssen unterschiedliche Positionen ausgehalten werden.
3) Wenn die Fahne tatsächlich zur Unterstützung des Regimes gezeigt wurde, wären diejenigen, die diese Fahne zeigen, darauf hinzuweisen, dass dieses Regime bekämpft werden muss, und zwar definitiv, laut und öffentlich! Polizeimacht sind OrganisatorInnen einer solchen Veranstaltung aber nicht. 
4) Farschid Zahedi schreibt an die OrganisatorInnen weiter: „Frieden ohne Gerechtigkeit ist kein Frieden.“ Dies kann man nur als Vorwurf gegen die VeranstalterInnen und nicht mehr als Vorwurf gegen die FahnenträgerInnen werten. Ich habe aus den Reden viel abstrakten Antikolonialismus und wenig konkrete Bezugnahme auf die dortigen sozialen Kämpfe bzw. auf die toten Zivilisten und Soldaten gehört. Ich gehe aber davon aus, dass das iranische Regime von den VeranstalterInnen zutiefst abgelehnt wird. Insofern ist der Tenor des Briefes spätestens in diesem Teil übertrieben.
Ganz unabhängig spricht vieles dafür, dass ein Waffenstillstand zwischen kriegführenden Nationen nicht selten die Voraussetzung für den erfolgreichen Sturz eines Regimes ist, kaum aber die Fortführung eines nationalstaatlichen Krieges. 
5) Es gab früher einmal eine Band, die hieß „Einstürzende Neubauten“. Dem folgt die linke Bewegung: Kaum baut ein Teil etwas auf, so reißt der andere Teil das wieder ein. Starke, aber "abstrakte" Empathie macht alles andere nichtig, falsch und verderblich.
So schwer es mir auch fällt: besser zusammen mit den IranerInnen, die möglicherweise dem Schah-Sohn anhängen, gegen das mörderische Mullah-Regime, natürlich nicht ohne entsprechende Kritik an dieser Bewegung - aber keine weitere Spaltung, die dann auch noch die deutsche Restlinke betrifft. Und viel kühle, rationale Überlegung, wie wir zusammen another brick out of the wall holen können, die Differenzen benennend, das Ziel: „Weg mit dem Mullah- und anderen Regimen!“, aber dieses als  wichtigste gemeinsame Teiletappe definierend.
6) Meine Bitte an Farschid Zahedi ist also diese: Frage bitte das Antimil-Bündnis nach konkreter Unterstützungsarbeit für die iranischen Opposition. Fällt die Antwort darauf negativ aus, dann hast du Recht. Das kann und mag ich mir aber nicht vorstellen wollen. 
Ich hoffe auf mehr Gemeinsamkeit in unserem Weg zu mehr Freiheit, Gleichheit, Fürsorge und Kooperation.