Es ist gängige These der Archäologie und Anthropologie, dass die gesellschaftliche Ungleichheit mit Beginn der Sesshaftigkeit, d.h. mit der Entwicklung einer agrarischen Gesellschaft, zunimmt.

Dies zeigt auch die untenstehende Abbildung, wo in der oberen Hälfte die rosa Linie mit wachsender Dauer agrarischer Gesellschaft nach oben abbiegt. Diese Linie gibt die geschätzte gesellschaftliche Ungleichheit wieder, die aufgrund der verschiedenen Häusergrößen verschiedener Regionen der Welt berechnet wurde. Die rosa Linie weiter tiefe in der Abbildung zeigt die gesellschaftliche Ungleichheit nur im Karpatenbecken, einer großen Region in Mitteleuropa zwischen Österreich, Tschechien, Ungarn und Rumänien. Sie zeigt Schwankung aber wenig Veränderung, was der These einer direkten Kopplung von Sesshaftigkeit und zunehmender Ungleichheit widerspricht. Allerdings wurde sie nur aufgrund der Beigabe zu Gräbern berechnet, was deutlich weniger aussagekräftig ist als ein Vergleich der Häusergröße.

Der Grund für die wachsende Ungleichheit mit beginnender Sesshaftigkeit wird in Archäologie und Anthropologie darin vermutet, dass Ackerfläche und landwirtschaftliche Geräte vererbt werden können, so dass sich über Generationen komparative Vorteile herausbilden können. Aber schon Karl Marx hatte argumentiert, dass das allein nicht zwingend für wachsende Ungleichheit spricht, solange es nicht gleichzeitig zu einer weiteren Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land, Handwerk und Landwirtschaft und dem geldbasierten Tausch von Produkten kommt. So schreibt er in dem Kapitel „Formen, die der kapitalistischen Produktionsweise vorhergehen“ in den Grundrissen auf S.379:

„Die Voraussetzung der Fortdauer des Gemeinwesens ist die Erhaltung der Gleichheit unter seinen freien sulf-sustaining peasants und die eigene Arbeit als die Bedingung der Fortdauer ihres Eigentums. Sie verhalten sich als Eigentümer zu den natürlichen Bedingungen der Arbeit; aber diese Bedingungen müssen noch fortwährend durch persönliche Arbeit wirklich als Bedingungen und objektive Elemente der Persönlichkeit des Individuums, seiner persönlichen Arbeit gesetzt werden.“

 

Die Untersuchung von Paul R. Duffy et al. (2025) gibt dieser These von Marx jetzt Recht. Duffy et al. bewerteten sowohl Hausgrößen als auch Beigaben zu Grabstätten als Basisdaten für gesellschaftliche Ungleichheit im Karpatenbecken von dem Nachweis der ersten BauerInnen über die folgenden fünf Jahrtausende bis zur Bronzezeit. Ihr Ergebnis ist, dass Sesshaftigkeit und Landwirtschaft zwar die Möglichkeit für gesellschaftliche Ungleichheit erhöhten, dass aber gleichzeitig diese Möglichkeit selten ausgeschöpft wurde. Die untenstehende Abbildung verdeutlicht die Ergebnisse: Der Gini Koeffizient (hellblau) schwankt über 5000 Jahre und steigt dann erst danach an. Die Größe der Gemeinwesen bleibt annähernd gleich (obere rote Kurve), wie auch die Dauer der Nutzung von Häusern. Die soziale Zusammengehörigkeit (Geschlossenheit der Bauten der Gemeinwesen, grüne Kurve) bleibt konstant bzw. nimmt zeitweilig zu und die Einheitlichkeit der Bauten (ihre architektonische Struktur, hellbraune Kurve) ebenfalls. Auch die Nähe zwischen den einzelnen Bebauungen ändert sich nicht (lila Kurve).

 

                    

 

Die Vermeidung von gesellschaftlicher Ungleichheit basierte dabei offensichtlich auf sozialen und ökonomischen Ausgleichsmechanismen, darunter die aktive Reduktion individuellen Reichtums durch ihre Beifügung in Gräbern und die Vermeidung von zu großen Gemeinschaften. Ein sehr wesentlicher Punkt war auch die Verabredung gemeinsamer Infrastrukturvorhaben, wie Wall- und Wegebau, was das soziale Zusammengehörigkeitsgefühl verstärkte. Diese sozialen Maßnahmen zusammen führten dazu, dass im Karpatenbecken das Potenzial gesellschaftlicher Ungleichheit durch Vererbung erst 5000 Jahren nach Beginn des Ackerbaus im größeren Umfang ausgeschöpft wurde, so dass bis dahin eine weitgehende soziale Gleichheit erhalten blieb. 

 

Gut zwei Jahrtausende später prägte der Architekt Baron Haussmann einen ganz anderen, modern-kapitalistischen Städtebau. Seine Kernpunkte waren: Breite Schneisen durch die dichte, historische Altstadt zu schlagen, um den Verkehrsfluss zu optimieren und die Bahnhöfe miteinander zu verbinden. Die Gebäude sollten dafür streng entlang den Straßen angeordnet sein. Die Verbreiterung der Straßen sollte nicht nur Licht in die von Seuchen geplagten Städte bringen, sondern auch den innerstädtischen Transport beschleunigen, den Bau von revolutionären Barrikaden verhindern und den Truppenaufmarsch erleichtern.

Fast könnte man dem auf Grund der Studie von Duffy et al. entgegenhalten: kein Bauen mehr primär entlang von Straßen (d.h. primär unter Mobilitätsaspekten), sondern für soziale Gemeinschaften mit gemeinsam gestaltetem Innenhof ("cohesion"), der eine für die Personenanzahl optimale Größe hat ("Density"), mit einer nicht übersteigbaren Anzahl von Wohnungen pro Einheit ("size") und einem Höchstwert für das Wohnungsflächen/Person Verhältnis ("conformity").

Vielleicht hilft dieses Wissen ein wenig dabei, dass wir 5000 neue Jahre geringer sozialer Ungleichheit erreichen!

Geschrieben von Helmuth

 

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