Am Dienstag, 30.06.26, ging die Veranstaltungsreihe des Instituts für Geschichte der Uni Oldenburg zu Ende. Das Thema war interessant und hochgesteckt. Immerhin ging es um „Gerechte Ordnung“ und sie wurde mitorganisiert von Prof. Michael Sommer (Uni Oldenburg), der sich erst vor kurzem in den Tagesblättern über die verfehlte Reformpolitik an den Universitäten geäußert hatte. Dort säßen die StudentInnen eher am Smartphone als engagiert den Vorlesungen zu folgen. Zudem empörte er sich über „cancel culture“ mit der Genugtuung, dass die Geschichtswissenschaften dieser entgegenstehen würde.

Mit diesem Wissen im Hintergrund habe ich vier der 6 Vorlesungen besucht. Bemerkenswert am ersten Vortrag von Prof. Dr. Almut Höfert war, dass sie dafür plädierte Gerechtigkeitsvorstellungen der Neuzeit nicht auf das Mittelalter zurück zu projizieren, sondern eher zwei zeitsensitive Sichtweisen zu entwickeln. Dies ist ein wichtiger Gedanken, weil er die Verwirklichung von Gerechtigkeit an materielle Bedingungen knüpft. Auch wenn eine Definition mittelalterlicher Gerechtigkeit fehlte, wurde implizit klar, dass die Unterdrückung der Frauen jeder Form von Gerechtigkeitsvorstellung widerspricht und es selbst schon um 1400 Menschen (bzw. Frauen, d.h. Christine de Pizan) gab, die eine Allgemeinheit des Rechts auch für diese einforderten. Weniger klar war dagegen die Rolle eines Predigers, der es immerhin schaffte, bis zu 10.000 Personen pro Wochenende in ein kleines Dorf in der Nähe von Würzburg zu bewegen, die sich dort wohl sehr freizügig benahmen. Sein Schicksal war brutal: nach wenigen Tagen Inquisition wurde er verbrannt. Die Inhalte seiner Predigen konnte man allerdings nicht erfahren. Die Frage nach einer „cancel culture“ der Kirche bzw. anderer Machtstrukturen durch fehlende Überlieferung der Argumente des Predigers wurde nicht beantwortet. Insgesamt kam spontan kein Wort zu einer unterschiedlichen Quellenlage, weil Informationen je nach gesellschaftlichen Machtverhältnissen auch verschieden überliefert werden könnten. Welche sozialen, ökonomischen und klimatischen Verhältnisse zu der damaligen Zeit vorlagen, spielte ebenfalls keine Rolle.

Der zweite Vortrag beschäftigte sich mit der Geschichte der Befreiungstheologie in Südamerika und wurde von Prof. Dr. Ulrike Sallandt (Uni Oldenburg) vorgetragen. An diesem Vortrag war bemerkenswert, dass Gerechtigkeit nicht als gesellschaftliches Theorem, sondern als ermächtigende Praxis der Unterdrückten definiert wurde. Dies geschah im Anschluss an die Befreiungstheologie Südamerikas. Das verbindet die Frage nach Gerechtigkeit mit der nach aktiver Veränderung der Gesellschaft und mit der Rolle, den Fähigkeiten und den Wünschen der „Subalternen“. Diese Form der Gerechtigkeitsdefinition ist sicherlich ein entscheidender Schritt nach vorn und erinnert an das Motto: die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kommt darauf an sie zu verändern. Aber lässt sich Gerechtigkeit einfach nur als ausstrahlende Praxis christlicher Gemeinden auffassen? Dies ist keineswegs klar, Erweckungsbewegungen („Pfingstler“) können durchaus ein hohes Ausmaß an reaktionärer Praxis entwickeln. Eine rein praxeologische Interpretation von Gerechtigkeit kann ohne allgemeineren Maßstab schwerlich gelingen, die aber nicht gegeben wurde.

Der dritte Vortrag ging zu den Bauernkriegen und wurde von Prof. Dr. Gerd Schwerhoff gehalten. Der Vortrag war sicherlich ein Höhepunkt der Vorlesungsreihe und brachte eine Vielzahl von detaillierter Information über Entwicklung und Scheitern der Aufstände. Der eigentliche Ausgangspunkt war auch eher praxeologisch: das Agieren der „Bauernhaufen“ und ihre Organisation. Aber gleichzeitig wurden auch Gerechtigkeitsbegriffe diskutiert und ins Verhältnis zu dem Streben nach Freiheit gesetzt, welches traditionell als charakteristisch für diese Bewegung angesehen wird. Deutlich wurde, dass zur Begründung der Aufstände eine Vermischung von Rechts- und Billigkeitsbegriffen eine Rolle spielte: die Billigkeit der Abgabenhöhe, die die Bauern leisten mussten, und das Recht auf die Nutzung der Gemeinde, d.h. die zunehmende Verweigerung der Aneignung von Gemeineigentum(-srechten). In diesem Sinne verändert sich der Gerechtigkeitsbegriff hier von einem des Common zu einem der Gleichheit von Arbeit und Lohn, bei gleichzeitiger ursprünglicher Akkumulation von Kapital. Was allerdings nur eine sehr begrenzte Rolle spielte wie auch die Frage nach den materiellen Umständen und der faktischen Gesellschaftsstruktur. Dagegen wurde die systematische Asymmetrie in der Berichterstattung bei hohem Analphabetismus unter den Aufständigen und kultureller Hegemonie in den Burgen und den Klöstern angesprochen. Eben die einer faktischen cancel culture.

Der vierte Vortrag von Prof. Dr. Thomas Etzemüller (Uni Oldenburg) ging zum „schwedischen „Volksheim“: Wie Kapitalismus und Sozialstaat die gerechte Gesellschaft stiften sollten“ und ließ einen fulminanten Schlussakkord erwarten. Allerdings bestand der Vortrag überwiegend aus Literaturstellen und Abbildungen aus den Jahrzehnten, die die Sozialdemokratie in Schweden regierte. Und die Hauptliteraturstelle war die eines mit der politischen Rechten sympathisierenden Schriftstellers, der sich lobend über den hohen Organisationsgrad der damaligen schwedischen Gesellschaft äußerte, welcher damit eigentlich schon diskreditiert war. Die Fragen aus dem Publikum, wieviel an gesellschaftlichen Reichtum denn nun faktisch in der Hochzeit der schwedischen Sozialdemokratie umverteilt wurde, wie hoch der Staatsanteil in Schweden war und ist, welche Steuerquellen für die Bezahlung der Staatsausgaben benutzt wurden, konnten leider nicht beantwortet werden. Stattdessen blieb das Lob, dass die Sozialdemokratie in Schweden immer pragmatisch funktionalistisch und nicht klassenkämpferisch gehandelt habe. Eine Erklärung, warum die Beendigung des Modells der Verbindung von Sozialstaat und Kapitalismus mehrheitsfähig wurde, blieb gänzlich aus (außer durch den Hinweis, während der Sozialstaatsepisode habe man seine individuellen Interessen ja gar nicht richtig vertreten können).

Ich muss gestehen, dass ich spätestens bei der Nichtbeantwortung der Frage nach dem Staatsanteil am Bruttosozialprodukt Teil der von Michal Sommer kritisierten Studentenschaft wurde: ich griff zum Smartphone, um mir diese doch grundlegende Frage einer sozialdemokratischen Umverteilungspolitik zu beantworten (es sind aktuell laut IWF 49.3 %, d.h. deutlich mehr als zu den Zeiten der Sozialdemokratie, jetzt aber zu vermehrt anderen Zwecken und bei erhöhten Steuern auf Arbeitseinkommen). Dort fand ich auch, dass z.B. in England der pestverursachte Bevölkerungsrückgang bis 1500–1520, also kurz vor den Bauernkriegen, um 60 % lag. Auch dass es zu diesem Zeitpunkt vermutlich Hungersnöte gab, wegen einer Eiszeitperiode erfuhr ich durch den Blick auf mein Smartphone. Woran lag das nun, an mir als Bologna sozialisiert oder an dem Vortrag? Eine quellenkritische Abwägung von gecancelter Information aufgrund von Machtverhältnissen in Klöster und Burgen/Schlössen habe ich nicht nachgeschaut. Aber cancel culture wird ja auch von ganz anderen Personen vorgenommen, oder?

Geschrieben von Helmuth