In den letzten zwei Jahren wurden mehr als 24 Artikel der NWZ und NWZonline mit dem Begriff „Clankriminalität“ überschrieben¹. Eine Definition findet sich in der genannten Auswahl nur in einem NWZ-Interview vom 12. November 2024. Keiner der genannten Artikel sonst definiert den Begriff „Clankriminalität“. Auch das Wort „Clan“ wird in den Artikeln nicht definiert, sondern stets als Teil des Begriffs „Clankriminalität“ verwendet.
Im Gegensatz zu dem erweckten Eindruck, es gebe eine bedeutende Clankriminalität mit schweren Verbrechen und sie gehöre zur sogenannten „Organisierten Kriminalität“ (OK), wird in keinem der Artikel irgendeinem konkreten Clan ein schweres Verbrechen oder ein Zusammenhang zur OK nachgewiesen, es wird überhaupt nicht erklärt, was denn Clans und Clankriminaltät sein sollen.

Es soll hier nicht die konsequente Verfolgung von Verbrechen kritisiert werden. Aber die ständige Wiederholung des Begriffs „Clankriminalität“ ohne irgendeinen Aussagewert dient nicht der Verbrechensbekämpfung. Sondern so wird bei den Menschen bewusst eine diffuse Angst vor Famlien geschürt, die als „Nicht-Deutsche“ angesehen werden.

Was ist überhaupt „Clankriminalität“?
Seit 2018 veröffentlicht Nordrhein-Westfalen, seit 2019 Niedersachsen und Berlin seit 2020 jährlich ein „Lagebild Clankriminalität".
„Clan“ wird dabei definiert als „Gruppe von Personen, die durch eine gemeinsame ethnische Herkunft, überwiegend auch verwandtschaftliche Beziehungen, verbunden ist“ (Niedersachsen) bzw. als „informelle soziale Organisation, die durch ein gemeinsames Abstammungsverständnis ihrer Angehörigen bestimmt ist“ (Berlin und NRW).
In diesen Lageberichten wird jedoch deutlich, dass „Clankriminalität“ weder mit OK gleichzusetzen, noch eine Unterkategorie davon ist. Um OK handelt es sich, wenn sich mehrere Personen über längere Zeit zusammentun, um Straftaten von erheblicher Bedeutung zu begehen. Unter „Clankriminalität“ hingegen fassen die Bundesländer alle möglichen Verstöße gegen Straftat- und Ordnungswidrigkeitstatbestände von Personen, die als „Clan”zugehörig markiert werden – egal, ob die Tat alleine oder gemeinsam begangen wird und unabhängig von der Schwere des Vergehens. 

Zwar werden zur „Clankriminalität” auch OK-Verfahren gezählt – diese stellen aber nur einen kleinen Anteil von „Clankriminalität” dar. Den Hauptteil machen Ordnungswidrigkeiten, Verkehrsdelikte und Allgemeinkriminalität aus.
Alle als „Clankriminalität“ kategorisierten Straftaten machen zusammengezählt nur einen minimalen Anteil der Kriminalität im jeweiligen Bundesland aus: in Berlin 0,19, in NRW 0,48 und in Niedersachsen 0,53 Prozent.²
Im Bereich „Clankriminalität” gibt es viele Personenkontrollen, Gewerbekontrollen und Razzien. Wer sucht, der findet – dort, wo mehr Kontrollen stattfinden, können auch mehr Verstöße aufgedeckt werden.
Das Innenministerium Niedersachsen im Lagebild explizit: „Hier besteht ein deutliches Missverhältnis zwischen ihrer zahlenmäßigen, statistischen Präsenz und der ihnen im Rahmen von Einsatzbewältigungen zu widmenden Aufmerksamkeit."³ Thomas Müller, der bei der Polizei Bremen im Bereich gegen Organisierte Kriminalität ermittelte und parallel Kriminologie studierte, bemängelt, dass die Polizei mit dem Begriff Clankriminalität Menschen, die sehr unterschiedlich sind, als Einheit definiert, weil man sie einer Familienstruktur zuordnet und weil sie einen gewissen Nachnamen haben. „Man muss sich das mal vorstellen: Wenn man alle Müllers als potenziell kriminell ansieht und sie ständig überprüft, dann macht das etwas mit dem Bild, das Polizei und Gesellschaft von allen haben, die Müller heißen.“

Kann man hier auch von Clankriminalität sprechen?
Es gibt im Nordwesten rund 14 überregional mächtige und überregional bedeutende Unternehmerfamilien, die sich alle in mindestens 3. Generation, teils viel länger, in Familienhand befinden; Unternehmerfamilien, die „durch eine gemeinsame ethnische Herkunft, überwiegend auch verwandtschaftliche Beziehungen, verbunden sind" bzw. als „informelle soziale Organisation, die durch ein gemeinsames Abstammungsverständnis ihrer Angehörigen bestimmt“ sind. Die Wesjohann-Familie (PHW/EW Gruppe) ist sogar nicht eine, sondern besteht aus zwei großen Unternehmerfamilien bzw. Unternehmensgruppen, die aus derselben Unternehmerdynastie hervorgegangen sind.
2010 durchsuchte der Zoll Räume der Tochterunternehmen Geestland (Wildeshausen) und Wiesenhof (Lohne) im Zusammenhang mit fragwürdiger Beschäftigung. Gegen die PHW-Gruppe (Familie Wesjohann) gab es Vorwürfe der Tierquälerei, Ausbeutung von Arbeitnehmern und des Subventionsbetrugs. Die Ermittlungen und eine spätere Anklage (2012) führten auch zum Rücktritt der damaligen niedersächsischen Agrarministerin Astrid Grotelüschen wegen ihrer umstrittenen Beziehungen zu Geestland und PHW. Die Vorwürfe wurden in der ARD-Dokumentation „Das System Wiesenhof“ (2011) thematisiert, in der von extremer Tierquälerei die Rede war. Paul-Heinz Wesjohann stand in der Kritik, versuchte aber, die Ausstrahlung zu verhindern.

Das Unternehmen Rügenwalder Mühle (Familie Rauffus/Müller) war 2014 in das Wurstkartell verwickelt. Das Bundeskartellamt verhängte gegen 21 Wursthersteller, darunter Rügenwalder Mühle, eine dreistellige Millionenstrafe wegen illegaler Preisabsprachen. Das Oberlandesgericht Düsseldorf bestätigte 2022 eine Geldbuße von 5,5 Millionen Euro gegen Rügenwalder wegen verbotener Preisabsprachen.

Clankriminalität, Demokratie und AfD
Diesen Familien wird nicht permanent Clankriminalität unterstellt, sie werden auch nicht andauernd als Clans bezeichnet und schon gar nicht werden sie immer wieder kontrolliert oder durchsucht. Im Gegenteil: Die Untersuchungen und Anklagen mussten von Menschenrechtsaktivist*innen und Tierschützer*innen gegen große Widerstände durchgesetzt werden.
Klar: Hier gibt es keine Bedrohungslage. Außer für die ausländischen Arbeiter*innen und die gequälten Tiere. Aber gegen die geht es ja gerade mit der penetranten Litanei von der angeblichen „Clankriminalität“.
So bestärken staatliche Institutionen, Behörden und Medien in vollem Bewusstsein immer wieder aufs Neue rassistische Vorurteile und den Ruf nach „Remigration“. Sie befeuern faktisch die AfD, gegen die sie angeblich die Demokratie verteidigen wollen.
Erna Schmitz

Anm. 1: 
1. „Clankriminalität: In Wilhelmshaven und Friesland meiste Straftaten in Niedersachsen“ (nwzonline 24.08.2026)
2. „Weniger Clan-Straftaten und Rekord bei Vermögensabschöpfung in Niedersachsen“ (oldenburger-onlinezeitung 24.08.2026)
3. „Clankriminalität in Ostfriesland“ „Brüder aus Norden weiter in U-Haft – Bundesgerichtshof muss entscheiden“ (nwzonline 03.06.2026)
4. „Einsatz gegen Clankriminalität in Werkstätten und Kiosken“ (nwzonline 24.04.2026)
5. „Razzia gegen Clankriminalität in acht Bundesländern“ (nwzonline 22.04.2026)
6. „Razzia gegen Clankriminalität“ „Unversteuerte Waren, Waffen und große Summen Bargeld sichergestellt“
(nwzonline 05.12.2025)
7. „Clankriminalität in Ostfriesland“ „Auswertung der Beweismittel aus Durchsuchungen dauert an“ (nwzonline 04.12.2025)
8. „Großrazzia gegen Clankriminalität in Aurich und Wittmund“ (nwzonline 02.12.2025)
9. „Im Kampf gegen Clankriminalität rücken Behörden nun enger zusammen“ (nwzonline 28.09.2025)
10. „Ermittlungen gegen Clankriminalität – Zwei Verdächtige weiterhin in U-Haft“ (nwzonline 17.09.2025)
11. „Verdacht auf Clankriminalität. Drei Männer sollen Opfer über Stunden gequält haben“ (nwzonline 28.08.2025)
12. „Lagebild zur Clankriminalität Kriminelle Banden greifen verstärkt zu Waffen“ (nwzonline 18.08.2025)
13. „Neues Lagebild von Polizei und Justiz: Weniger Clan-Straftaten in Niedersachsen – So steht der Nordwesten da“ (nwzonline 24.08.2025)
14. „Spezialkräfte nehmen drei mutmaßliche Clankriminelle fest“ (nwzonline 25.06.2025)
15. „Kräfte im Kampf gegen Clankriminalität im Oldenburger Münsterland noch stärker gebündelt“ (nwzonline 14.05.2025)
16. „Clankriminalität in Ostfriesland: Vermummte Polizisten im Kreis Aurich im Einsatz – Zwei Festnahmen und Waffenfunde“ (nwzonline 08.05.2025)
17. „Clan-Prozess in Oldenburg: Rechtswidrige Hausdurchsuchung? Gericht sieht grobe Fehler der Polizei“ (nwzonline 07.05.2025)
18. „Clan-Prozess in Oldenburg: Ein Ferienhaus voller Waffen, aber jetzt gibt’s Zweifel an Rechtmäßigkeit der Durchsuchung“ (nwzonline 30.04.2025)
19. „Landgericht Oldenburg: Clan-Mitglieder sollen spektakulären Raub auf Geldtransport geplant haben“ (nwzonline 23.04.2025)
20. „Schlag gegen Clankriminalität. Polizei und Staatsanwaltschaft zerschlagen mutmaßliche Tätergruppe in Ostfriesland“ (nwzonline 18.04.2025)
21. „Mann sagt gegen Clan-Mitglieder aus und geht nun ‚nicht mehr ohne Begleitung raus‘“ (nwzonline 20.12.2024)
22. „Prozess in Oldenburg: Beim Urteil knallt es kurz – Clan-Mitglied aus Wildeshausen bekommt Haftstrafe“ (nwzonline 19.11.2024)
23. „Großfamilien in Region: ‚Kriminelle Clanstrukturen mit allen rechtlichen Mitteln zerschlagen’“ (nwzonline 12.11.2024)
24. „Clankriminalität: Mutmaßlicher Drogenkurier aus Wildeshausen legt Geständnis ab“ (nwzonline 18.09.2024)
Anm. 2: 
Mediendienst Integration, https://mediendienst-integration.de, 24.08.2026 „Clankriminalität“: Zahlen und Lagebilder
Anm. 3: 
Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport (2025): „Clankriminalität in Niedersachsen 2024. Gemeinsames Lagebild von Polizei und Justiz“, S. 33
Anm. 4:
https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/Kampf-gegen-Clans- Sicherheitspartnerschaft-im-Oldenburger-Muensterland,clankriminalitaet214.html  
Anm. 5: 
Vgl. https://www.topagrar.com/management-und-politik/news/fragwuerdige-beschaeftigung-bei-phw-kommt-nach-sechs-jahren-der-prozess-9603919.html, https://de.wikipedia.org/wiki/Paul-Heinz_Wesjohann  
Anm. 6: 
https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/wurstkartell-ruegenwalder-zu-millionenstrafe-verurteilt-a-1187982.html