Der ökologische Bruch

 

John Bellamy Foster, Brett Clark, Richard York, Der ökologische Bruch. Der Krieg des Kapitals gegen den Planeten, LAIKA-Verlag Hamburg 2011

 

 

Anmerkung:

Die drei Autoren sind Umweltsoziologen und Hochschullehrer in den USA, Foster und York an der Universität von Oregon und Clark an der Universi­tät von North Carolina. Foster ist auch Chefredakteur der sozialistischen Zeitschrift Monthly Review. Alle drei analysieren die Umweltkrise von einem marxistischen Ansatz her und halten es für aussichtslos, die Umwelt­zerstörung zu stoppen, wenn man den Kapitalismus beibehalten will. Das Buch besteht im Wesentlichen aus einer Sammlung und Überarbeitung bereits publizierter Aufsätze und Artikel, deshalb enthält es einige Wieder­holungen.

 

 

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Inhalt

 

Vorwort .............................................................................................  9

Einleitung: Ein Bruch in Erde und Zeit. ........................................... 15

Teil 1 Kapitalismus und unhaltbare Entwicklung

1. Das Reichtumsparadox. ................................................................. 53

2. Brüche und Verschiebungen. ......................................................... 73

3. Kapitalismus im Wunderland ........................................................ 87

4. Der Midas-Effekt ..........................................................................104

5. Kohlenstoff-Metabolismus und globale Kapitalakkumulation .....116

6.. Der planetarische Moment der Wahrheit   ...................................146

Teil 2 Ökologische Paradoxien

7. Die Rückkehr des Jevons-Paradoxons ...........................................161

8. Das papierlose Büro und andere ökologische Paradoxien .............174

9. Die Tretmühle der Akkumulation...................................................182

10. Das absolute allgemeine Gesetz der Umweltschädigung

unter dem Kapitalismus ......................................................................195

Teil 3 Dialektische Ökologie

11. Die Dialektik von Natur und marxistischer Ökologie.....................201

12. Dialektischer Materialismus und Natur ..........................................235

13. Die Grundrisse von Marx und die Ökologie des Kapitalismus ......260

14. Die Soziologie der Ökologie ...........................................................272

15. Imperialismus und ökologischer Metabolismus. .............................329

Teil 4 Auswege

16. Die Ökologie des Konsums .............................................................357

17 Der Metabolismus des Sozialismus des 21. Jahrhunderts ................379

18. Warum ökologische Revolution?.....................................................401

Anmerkungen.........................................................................................421

Index.......................................................................................................483

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Auszüge aus „Der ökologische Bruch“:

 

S. 76/77:

Marx und der metabolische Bruch bei Bodennährstoffen

 

Die zerstörerische metabolische Beziehung des Kapitalismus zur Natur rückte im 19. Jahrhundert ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Der deutsche Chemiker Justus von Liebig verwendete in den 1850er und 1860er Jahren den Begriff des Metabolismus in seinen Untersuchungen der Bodennähr­stoffe. Er erläuterte, dass die britische Landwirtschaft mit ihren intensiven Anbaumethoden zur Steigerung der Erträge auf dem Markt ein Raubsystem zur Anwendung brachte, das die Lebenskraft des Bodens zerstörte. Liebig beschrieb im Einzelnen, in welcher Form der Boden spezielle Nährstoffe benötigte – Stickstoff, Phosphor und Kalium – um seine Fähigkeit zur Erzeugung von Feldfrüchten aufrecht zu erhalten. In ihrem Wachstums­prozess nähmen die Feldfrüchte diese Nährstoffe auf. In früheren Gesell­schaften wurde dieses Produkt der Natur unter gleichzeitiger Düngung die­ser häufig wieder zugeführt. Die Konzentration des Landbesitzes, die die Entvölkerung ländlicher Gebiete und die wachsende Trennung zwischen Land und Stadt mit sich brachte, veränderte diesen Prozess. Nahrungsmittel und Textilien wurden aus ländlichen Gebieten auf weit entfernte Märkte gebracht. Dabei wurden die Nährstoffe aus dem Boden vom Land in die Stadt überführt, wo sie sich als Abfall ansammelten und zur Kontamination der Städte beitrugen, anstatt in den Boden zurückgeführt zu werden. Dies verursachte eine Unterbrechung des Nährstoffkreislaufs.

 

Marx, der unter Einfluss von Liebigs Arbeit stand, erkannte, dass die Fruchtbarkeit des Bodens und die natürlichen Bedingungen an die historische Entwicklung der gesellschaftlichen Beziehungen gebunden waren. Durch seine Studien der Bodenwissenschaften gewann Marx Einsichten bezüglich des Nährstoffkreislaufes und der Ursachen, auf denen die Auslaugung der Böden beruhte. Auf dieser Grundlage lieferte er eine materialistische Kritik der modernen Landwirtschaft, in der er beschrieb, wie kapitalistische Handlungsweisen auf unvermeidliche Weise zur Schaf­fung metabolischer Brüche führten, da die grundlegenden Prozesse natür­licher Reproduktion in einer Weise unterminiert werden, die die Rückfüh­rung der notwendigen Nährstoffe in den Boden verhindern.

(...)

Die Entwicklung des Kapitalismus, sei es durch Kolonialismus, Imperialis­mus oder Marktkräfte, hat den metabolischen Bruch auf globalen Maßstab ausgeweitet, da entfernte Regionen jenseits der Ozeane zum Produzieren gebracht wurden, um den Interessen der Kapitalisten in den Kernregionen zu dienen. Während die Einbindung entfernter Länder – eine Art geografi­sche Verlagerung – dabei half, einige Anforderungen an die landwirtschaft­liche Produktion seitens der Kernländer zu befriedigen, war dies als Mittel gegen den metabolischen Bruch nicht dienlich.

 

 

 

S. 82/83:

Energie- und Klimakrise

 

Die Entwicklung von Technologien zur Energieproduktion vermittelt eines der besten Beispiele für die genannten Brüche und Verschiebungen, da technologische Lösungen von Energieproblemen neue ökologische Krisen hervorbringen, indem sie alte abzumildern versuchen. Biomasse, besonders Holz, ist natürlich eine der vorrangigen Energieressourcen, von denen die Menschen im Verlauf ihrer ganzen Geschichte abhängig gewesen sind. Die Entwicklung energieintensiver Verfahren, wie die Schmelzung von Metal­len, war daher mit einem größeren Druck auf die Wälder verbinden, da Bäume dazu dienten, die entsprechenden Feuer zu entfachen. Zu der Zeit, als die Industrielle Revolution in Europa aufzukommen begann, waren ausgedehnte Regionen des Kontinents bereits entwaldet, insbesondere in Gebieten, die in der Nähe großer Produktionsstätten lagen, und ein großer Teil dieser Entwaldung wurde durch die Nachfrage nach Brennstoff voran­getrieben. Als die Industrialisierung voranschritt, wurden neue Kraftquellen zur Befeuerung der Maschinen verlangt, die es der Produktion gestatteten, in wachsendem Maßstab voran zu schreiten. Ganze Wälder wurden in bei­spiellosem Ausmaß verschlungen und machten Holz immer knapper. Die Spannung zwischen dem Verlangen der kapitalistischen Besitzer der neuen industriellen Technologien nach Ausdehnung der Kapitalakkumulation und den biophysikalischen Grenzen der Erde waren vom Beginn der Industriel­len Revolution an offensichtlich. Die Kapitalisten kümmerten sich jedoch nicht um die internen/externen Widersprüche des Kapitalismus, ausgenom­men in dem Fall, dass diese zu überwindende Hindernisse darstellten. Folg­lich wurden irgendwelche Bemühungen dahin gehend, so etwas wie Nach­haltigkeit zu erzielen – wie wir es heute nennen würden – nicht einmal durch die Elite in Betracht gezogen. Vielmehr wurden Kohle und nachfol­gend andere fossile Brennstoffe, unter zeitweiser Umgehung der Holz­brennstoffkrise, rasch zur Standardbrennstoffversorgung der Industrie – ob­wohl die Wälder weiter fielen –, wobei durch das dramatische Ansteigen der Kohlenstoffemissionen die Grundlagen für unsere gegenwärtige Krise globalen Klimawandels gelegt wurde.

 

Das Grundmuster ist dem der Anfangsjahre der Industriellen Revolution gleich geblieben. Rasch wurde Öl der Kohle als Brennstoffquelle hinzuge­fügt und in wachsendem Maße eine Vielzahl von weiteren Energiequellen ausgebeutet. Zu diesen gehörte die Wasserkraft, deren Erzeugung das Auf­stauen von Flüssen erforderlich macht und dadurch eine Zerstörung aqua­tischer Ökosysteme verursacht. Zum Beispiel war die Wasserkraft im Lau­fe des 20. Jahrhunderts ein erstrangiger Faktor zur weitgehenden Erschöp­fung und Vernichtung der Lachswanderungen. Die Atomkraft war die meist umstrittene Beifügung zur gesamten Energiemischung. Trotz anfäng­licher Behauptung, dass sie zur Bereitstellung sauberer, unbegrenzter Ener­gie führen würde, die zu billig sei, um dies messen zu können, stellte sie sich als teure, riskante Energiequelle heraus, die langlebigen, hoch radio­aktiven Abfall produzierte, für den sich die Entwicklung wirklich sicherer, ausreichend langfristiger Lagerstätten als trügerisch erwiesen hat.

 

Nun, da im 21. Jahrhundert der globale Klimawandel endlich von der Elite als ernsthaftes Problem erkannt worden ist, liegen die vorgeschlagenen Lösungen darin, das Problem von einer Energieform auf eine neue Form der Energie zu verschieben. Die Atomenergie steht nun, trotz ihrer hohen Kosten und weitverbreiteter öffentlicher Opposition absinkenden Populari­tät gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts, mit neuen Versprechungen, wie sicher nun die neuen Atomkraftwerke seien, wieder ganz oben auf der Tagesordnung – ohne jemals das Problem des radioaktiven Mülls zu beach­ten. Wir werden auch mit Versprechungen von Agrobrennstoffen ver­wöhnt, die uns ironischer Weise zur Energiekrise der Vorkohlezeit zurück­bringt. Jüngste wissenschaftliche Berichte stellen fest, dass der Anbau von Feldfrüchten für Agrobrennstoffe zum Betanken von Autos gegenwärtig sogar den Kohlenstoffausstoß in die Atmosphäre erhöhen könnte. Aber sogar dies ignoriert die Tatsache, dass sich die Produktion von Agrobrenn­stoffen auf unnachhaltige Landwirtschaftspraktiken stützen würde, die einen massiven Einsatz von Düngemitteln erfordern und nur zur weiteren Erosion der Bodennährstoffe führen würde, was uns zu dem von Marx ursprünglich angesprochenen metabolischen Bruch zurück brächte.

 

 

 

S. 248:

Dialektische Natur: Strukturelle Zwänge und entstehendes Potential (Der fortdauernde Tanz des Lebens)

 

Wir behaupten, dass ein volles Verständnis der Natur am Besten durch ein materialistisches, dialektisches und historisches Objektiv gesehen zustande kommen kann. Sowohl die oben ausgeführten ökonomistischen als auch die tiefenökologischen Ansichten neigen dazu, unhistorisch zu sein. Die öko­nomistische Ansicht, auch wenn sie materialistisch ist, vernachlässigt die Komplexität der Abläufe in der natürlichen Welt. während die tiefenöko­logische Auffassung, obwohl sie sich mit den Feinheiten der Natur befasst. den Materialismus ablehnt. Es wird aber ein dialektischer Ansatz zum Ver­ständnis der Natur benötigt, ein Ansatz, der die Beschränkungen von Öko­nomismus und Tiefenökologie überwindet. Anstatt die Natur in Begriffen eines idealisierten Zustandes zu bewerten, wie der des abstrakten Gleich­gewichts der Natur bei der Tiefenökologie, wird die Welt besser verstanden und erklärt aus ihrer Geschichte heraus. Ein materialistischer und dialek­tischer Ansatz kann die Wechselwirkungen erfassen, die auf allen Ebenen stattfinden, die strukturellen Beschränkungen für einen Wandel und die Kräfte, die ihn begünstigen, das Entstehen neuer Eigenschaften und die Perioden von Stillstand und Diskontinuität in der Geschichte. Die dialek­tisch materialistische Tradition, insbesondere die Form, die sich in den Naturwissenschaften entwickelt hat, liefert eine Vorstellung und eine Mess­größe der Natur, die sich von derjenigen unterscheidet, wie sie von neo­klassischen Ökonomen und Tiefenökologen vorgeschlagen worden ist. Diese Tradition erkennt, dass die Natur Prozesse umfasst, die nach ihren eigenen Bedingungen ablaufen und keinen innewohnenden »Zweck« haben. Zugleich erkennt diese Tradition, dass die Produktion der mensch­lichen Gesellschaft eine beständige Wechselwirkung mit der natürlichen Welt beinhaltet, die eine stetige Umwandlung von Natur und Gesellschaft zur Folge hat. Eine solche Erkenntnis dieser Wechselwirkung und kontinu­ierlichen Transformation dient nicht als Rechtfertigung für menschliche Bemühungen, die Natur zu unterwerfen und zu kontrollieren; stattdessen bringt sie die Anerkennung der Unausweichlichkeit der Veränderung und der Wechselwirkung zwischen den Elementen der materiellen Welt mit sich - das heißt, lange bevor die Menschen entstanden, befand sich die Natur aufgrund der Interaktion von materiellen Kräften und Bedingungen, wie den Ursprüngen der Biosphäre und der Entstehung des Lebens, bereits in einem kontinuierlichen Wandlungsprozess.

 

Für Marx bleibt die menschliche Geschichte ein Teil der Naturgeschichte, wird dieser jedoch nicht untergeordnet - das heißt, die Gesellschaft ist in die Natur eingebettet und von ihr abhängig, obwohl es getrennte gesell­schaftliche und natürliche Prozesse gibt. Es besteht ein dialektisches Beziehungsverhältnis zwischen Gesellschaft und Natur, da beide sich beständig gegenseitig in ihrer revolutionären Entwicklung verändern. Die Ausrichtung dieses Beziehungsverhältnisses ist nicht vorbestimmt; die Zukunft bleibt offen.

 

 

 

S. 376-379 (Schluss von Kapitel 16)

 

Die Realität der ökologischen Überziehung in der modernen Gesellschaft sagt uns, dass die wohlhabendsten Länder und die Welt als Ganze in ein Stadium eintreten müssen, das die klassischen Ökonomen als „Ruhezu­stand“ bezeichnet haben, das heißt, zu nicht wachsenden (oder sogar schwindenden Ökonomien zu werden. Das bedeutet, das bloß quantitative Wachstum in den reichen Ländern umzukehren, um zur gleichen Zeit das Spektrum an menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten und die Viel­gestaltigkeit der Natur qualitativ auszuweiten. Genauer gesagt ist es im Hinblick auf das gegenwärtige System geboten, die Akkumulation als solche zum Stillstand zu bringen. Eine solche Beendigung der Akkumula­tion als Grundvoraussetzunge zur Lösung des ökologischen Problems ist jedoch der Kapitalherrschaft selbst nicht möglich, da es ihrer inneren Logik zuwiderläuft. Ein drastisches Herunterfahren oder eine Einstellung der Nettokapitalbildung führt zur ökonomischen Krise, deren Hauptlasten auf die Untenstehenden angewälzt werden.

 

Die notwendige Verlagerung von einer quantitativen zu einer qualitativen Wirtschaft – die sofort beginnen muss, wenn die Welt vom gegenwärtigen Weg des „Business-as-usual« zu einer planetarischen Umweltzerstörung abkommen soll – macht es erforderlich, die Kapitalherrschaft fortschreitend zu demontieren und an ihrer Stelle Schritt für Schritt ein neues organisches gesellschaftliches und ökologisches System zu errichten. Dies bedeutet eine radikale Konfrontation mit der Logik des Kapitals an allen Punkten der Gesellschaft. Die private Herrschaft des Kapitals über die verfügbare Zeit muss zu einer neuen gesellschaftlichen Verteilung der verfügbaren Zeit umgewandelt werden, wobei sich die Anzahl derer mit einträglicher Beschäftigung durch Reduzierung der durchschnittlichen Arbeitszeit erhöht und dadurch eine menschliche Entwicklung möglich macht. Solche Verän­derungen werden eine revolutionäre Umgestaltung in den vorherrschenden gesellschaftlichen Werten erforderlich machen, die mit den gegenwärtigen materiellen Verhältnissen verbunden sind, sowie eine tatsächliche Trans­formation dieser materiellen Verhältnisse selbst.

 

„Wem genug zu wenig ist", schrieb Epikur, »dem ist Nichts genug« - und stellte damit den vollständigen Geist des Kapitalismus fast zwei Jahrtausen­de vor seiner Entstehung infrage. Es ist eben diese irrationale Triebkraft des Kapitals, das unbeschränkte Streben nach immer größeren privaten Reichtümern, das abgehoben ist von wirklichem öffentlichen Reichtum und sogar zu dessen Lasten geht, das es zu überwinden gilt.

 

Juliet Schor hat zur Beschreibung einer nachhaltigen ökologischen Zukunft den Begriff der »Fülle« benutzt- Fülle soll hier für den Reichtum und die Vielfalt der Beziehungsverhältnisse stehen, die sich von unserer üblichen Sichtweise auf Entwicklung im Sinne von Wachstum des BIP und der Zunahme des Finanzvermögens abheben. Dadurch wird anerkannt, dass es gesellschaftliche Zielsetzung sein sollte. einen größeren Abstand zur ge­genwärtigen Tretmühle der Akkumulation zu gewinnen. Für Schor besteht eine mit dieser Art von Fülle verzahnte gesellschaftliche Ökonomie darin, das Hauptaugenmerk auf folgende Punkte zu lenken; (l) "Herausdiversifi­zierung aus dem Markt", (2) "Selbstversorgung«, (3) "wahrer Materialis­mus«, und (4) "gegenseitige Beteiligungen und Investitionen in unser Gemeinwesen." Genauer gesagt legt ihre Analyse Nachdruck auf Indivi­duen, die sich freiwillig aus der Unternehmenswirtschaft herausdiversi­fizieren, indem sich auf ihren "Zeitreichtum« anstatt auf monetären Reich­tum konzentrieren, sich in grundlegenden Bereichen wie Nahrung, Behau­sung und Bekleidung für Selbstversorgung entscheiden, ihr Augenmerk auf wahren Materialismus legen, indem sie nach nützlichen, haltbaren Gutem suchen und Abfall vermeiden, sowie freiwillige und nachhaltige gegen­seitige Beteiligungen und Investitionen in unser Gemeinwesen anstreben.

 

Ein sozialistisches Konzept von ökologischer Fülle würde viele von genau diesen Begriffen eines reichen, vielfältigen und qualitätsvolleren Daseins enthalten, das auf die Befriedigung sozialer Bedürfnisse und menschliche Entwicklung ausgerichtet ist und zugleich die weitgehend voluntaristische Perspektive hinter sich lässt, die für ein Erreichen dessen hinderlich ist. Stattdessen würde es im Interesse von menschlichen Gemeinschaften eine echte, massenbasierte Verwandlung im Funktionieren einer modernen Gesellschaft fördern. Hierbei geht es nicht um die Frage von Individuen, die es darauf abgesehen haben, sich einfach aus der kapitalistischen Wirt­schaft zurückzuziehen, sondern vielmehr darum, eine neue ökologische Hegemonie innerhalb der Zivilgesellschaft herzustellen, die darauf abzielt, im Kontext der sich beschleunigenden Strukturkrise des Kapitalismus den gesamten Aufbau von Produktion und Konsumtion umzugestalten. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, nicht nur einfach die "Herausdiver­sifizierung" aus der vorherrschenden Wirtschaft zu diskutieren (eine Strate­gie, die in Schors Analyse hauptsächlich auf die Mittelklasse abzielt, die es versäumt, die vorherrschenden Produktionsverhältnisse und das ökonomi­sche System infrage zu stellen und sich eher zur Kooptierung hergibt), sondern die Schaffung eines neuen Kerns von nicht entfremdeten Produk­tionsverhältnissen innerhalb der Gesellschaft als Ganzer. Eine moderne, nachhaltige, stabil verharrende Wirtschaft ist unter Entstehung einer neuen ökologischen Hegemonie nur durch die Umgestaltung der Gesellschafts­formation selbst möglich. Ihr vorherrschendes Prinzip muss eine neue „Kultur der substanziellen Gleichheit“ sein, ohne die die Schaffung einer im echten Sinne nachhaltigen Gesellschaft, die auf der Gegenseitigkeit zwischen Menschen, Menschheit und Natur basiert, unmöglich ist.

 

Woher aber soll diese neue ökologische Hegemonie kommen? Die einzig vorstellbare Antwort liegt in der Organisierung einer ökologischen und sozialen Gegenhegemonie auf der Grundlage sozialistischer Prinzipien, die ihren Impuls von verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren erhält. Ein neuer ökologischer Materialismus, der aus der Revolte gegen die globale Umweltkrise erwächst, muss sich mit dem alten klassenbasierten sozialis­tischen Materialismus verbinden - eine Synthese, die durch die tiefen öko­logischen wie ökonomischen Wurzeln des klassischen Marxismus und Sozialismus möglich gemacht wird. Solch ein historischer Block, im Sinne von Gramsci, würde das widersprüchliche und disharmonische Zusammen­spiel der Widerstandsverhältnisse vereinen, das aus „Überbau-Strukturen“ und produktiven „Basisgrundlagen“ hervorströmt, und zu ein und derselben Zeit die kulturellen und materiellen Bedingungen revolutionieren. Er würde sich auf verschiedene Klassen und Klassenfraktionen (einschließlich der kritischen Intelligenz) stützen, aber grundlegend von der (den) Arbeiter­klasse(n) abhängen - allerdings zur heutigen Zeit nicht so sehr vom Industrieproletariat als solchem, sondern von einem weiter gefassten Umweltproletariat , um so zu einer viel breiteren und zugleich vereinteren materiell ökologischen Revolte zu führen. Diese revolutionäre Möglichkeit war bereits in den frühesten Werken des Marxismus, wie in Engels Die Lage der arbeitenden Klasse in England, enthalten.

 

Die sozialistischen Kämpfe des 21 Jahrhunderts in Lateinamerika und anderswo finden vor dem Hintergrund eines entstehenden revolutionären historischen Blocks statt, der sich sowohl auf die traditionellen Arbeiter­kämpfe als auch auf ein erweitertes ökologisches und kommunales Be­wusstsein stützt. Kollektivere Formen der Produktion und kommunalere Formen der Konsumtion werden vorangetrieben. die auf die echten Bedürf­nisse des Gemeinwesens gerichtet sind, wahrend wachsender Nachdruck auf ökologische Nachhaltigkeit gelegt wird. Wie Maria Fernanda Espinosa, Ministerin für das kulturelle Erbe in Ecuador, am 20. April 2010 in Cocha­bamba feststellte, ist die weltweite ökologische Krise ein "Symptom des Entwicklungsmodells des kapitalistischen Weltsystems und seiner Logik und seiner destruktiven Beziehungsverhältnisse.“ Ein realistischer Versuch, die ökologischen Probleme anzugehen, beinhaltet folglich das Finden neuer Wege zum Aufbau einer Wirtschaft und des Interagierens mit der Natur aufgrund sozialistischer und indigener Prinzipien, wobei wir »nicht länger akkumulieren«, während wir zugleich das Befinden des Menschen verbessern. Bei jeder wahrhaft ökologischen Revolution "müssen die Antworten auf die strukturelle Krise des Klimawandels und die Probleme der Welt derselben Anordnung folgen, indem sie strukturell, revolutionär und tief gehend sind.“ Eine Ökologie der Konsumtion ist nur auf der Basis einer Ökologie der Produktion möglich, die auf eine nachhaltige mensch­liche Entwicklung gerichtet ist. Hierin liegt in unserer Zeit die Zukunft des Sozialismus und der Erde.

 

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Weitere Anmerkungen:

 

Verhinderung von ökologischen Katastrophen

S. 16 – 20: Die Autoren postulieren neun „planetarische Grenzen“ (nach einer Studie 2009 unter Leitung von Johan Rockström vom Stockholm Resilience Center). Bei ihrer Überschreitung drohen massive Verschlech­terungen der Umweltbedingungen mit verheerenden Auswirkungen auf die menschliche Zivilisation. Experten haben für die Parameter 1 – 7 bestimm­te Grenzwerte ermittelt, deren Einhaltung bzw. Wiedererreichung derartige Entwicklungen stoppen könnte.

 

1. Klimawandel (z.Zt. 390 ppm CO2, vor der Industrialisierung 280 ppm, erforderlich 350 ppm)

2. Übersäuerung der Ozeane (kann zum massiven Absterben der kalkbilden-den Organismen im Meer führen)

3. stratosphärischer Ozonmangel (seit den 1990er Jahren unter Kontrolle)

4. Eintrag von Stickstoff und Phosphor in die Gewässer (nahe am Limit)

5. Frischwasserverbrauch (regionale Mangelsituationen)

6. Landnutzung (als Farmland, nahe am Limit)

7. Verlust an Biodiversität (vorindustriell 0,1-1 Art pro Million, gegenwärtig 100 pro Million, tolerierbar 10 Arten pro Million und Jahr)

8. atmosphärische Aerosolaufladung

9. chemische Verschmutzung

 

 

Kritik der Rolle der technischen Effizienz

S. 161: Jevons-Paradoxon: 1865 veröffentlichte der Wirtschaftswissen­schaftler William Stanley Jevons ein Buch über die mögliche Erschöpfung der englischen Kohlevorkommen, in der er nachwies, dass die effizientere Verwendung von Kohle zugleich die Ausweitung ihrer Nutzung bewirkte. Einsparungen durch mehr Effizienz werden demnach überkompensiert.

„Es ist eine vollständige Gedankenverwirrung anzunehmen, dass die wirt­schaftliche Verwendung von Brennstoff einem verminderten Verbrauch entspräche. Genau das Gegenteil ist zutreffend.“

Jede technische Verbesserung, die den Verbrauch senkt, macht also den Einsatz des Brennstoffs wirtschaftlicher. Dadurch sinken die Kosten, die Gewinne steigen. So nehmen auch Produktion und Verbrauch zu und damit auch die Umweltbelastung.

 

S. 177: Treibstoffverbrauch von Autos in den USA:

Eine Untersuchung dieses Parameters für PKWs und Leichtlastwagen für den Zeitraum von 1984 bis 2001 ergab, dass zwar die Effizienz des Treib­stoffs gestiegen war (gemessen in Kilogramm x Kilometer pro Liter), aber gleichzeitig nahm das Gewicht der Fahrzeuge zu, die Anzahl der gefahre­nen Kilometer pro Jahr und die Anzahl der Kraftfahrzeuge. Dadurch hat sich der Verbrauch der Gesamtwagenflotte nachweislich erhöht.

 

S. 179: Der Mythos vom „papierlosen Büro“ durch die Einführung von Computern wurde widerlegt durch eine Untersuchung, nach der in den USA der Verbrauch der gebräuchlichsten Art von Büropapier (unbeschich­tete lose Blätter) von 1995 bis 2000 um 14,7% zugenommen hat. Die Er­klärung liegt in der erheblichen Zunahme elektronischer Dokumente und in der leichten Verfügbarkeit von Druckern.

 

S. 181/182:

„Zusammengefasst legen diese Paradoxien nahe, dass Effizienzverbesse­rungen in der Verwendung von natürlichen Ressourcen und die Entwick­lung von Ersatzalternativen für dieselben nicht zu Reduzierungen, sondern unter Umständen sogar zu einer Ausweitung in deren Verbrauch führen. Obgleich Effizienzverbesserungen und die Verwendung von Ersatzalter­nativen den Verbrauch einer Ressource verringern, wenn alle anderen Faktoren gleich bleiben (und der Umfang der Produktion konstant bleibt), sind Volkswirtschaften komplexe und dynamische Systeme mit unzähligen Wechselbeziehungen zwischen ihren einzelnen Faktoren. Veränderungen in Art und Effizienz der Ressourcenverwendung werden letztlich viele andere Umstände beeinflussen und demnach sicherstellen, dass alles andere kaum gleich bleiben wird. Sich allein auf technologische Fortschritte zu verlas­sen, um unsere Umweltprobleme zu lösen, kann katastrophale Folgen haben.“

 

 

Kritik der ökologischen Modernisierung

S. 241/242:

„In Übernahme des Optimismus der ökologischen Modernisierung und der Funktionsweisen des kapitalistischen Wirtschaftssystems bringen Befür­worter eines grünen Kapitalismus wie Paul Hawken vor, dass die kapitalis­tische Wirtschaft nachhaltigen Umweltlinien folgend restrukturiert werden könne und solle. Hawken argumentiert, dass der Kapitalismus, wenn der Wert der Natur in geeigneter Weise in Rechnung gestellt werde, sich in eine ökologisch verträgliche Richtung entwickeln würde. Folglich werden ökologische Güter und Dienstleistungen gegenwärtig durch den Markt nicht richtig berechnet, sodass der Natur eine rationale Preisstruktur zuge­ordnet werden muss. Demnach wird die Natur in verschiedene Waren­bereiche aufgegliedert, denen dann vermittels einer Analyse ihres Beitrags zum Marktwert ein Preis zugeteilt wird. Wenn die Natur erst einmal in vollem Umfang zur Ware gemacht worden ist, kann das Funktionieren des Marktes schließlich für die Umwelt Sorge tragen.“

 

Die Perspektive einer vollständig oder weitgehend als Ware erfassten Natur widerstrebt einem einigermaßen gesunden Menschenverstand. Folgt man aber dieser Vorstellung, so ergeben sich mindestens zwei Fragen: Wer setzt die Preise der jeweiligen Naturgüter fest? Und: vorausgesetzt, es würden gerechte und gesellschaftlich akzeptierte Preise festgelegt, würde dadurch garantiert, dass die Belastungsgrenzen der natürlichen Umwelt eingehalten werden?

 

 

Kritik der Tiefenökologie

Tiefenökologie werden bestimmte Denkansätze innerhalb der Ökophiloso­phie genannt. Ihnen ist die Vorstellung gemeinsam, „dass die Welt, wenn die industrielle Zivilisation beseitigt würde, zu ihrem natürlichen Stadium zurückkehren könne, in dem eine Ausgewogenheit der Natur bestehe. Diese Sichtweise neigt dazu, traditionelle Gesellschaften und indigene Völker zu idealisieren als in einem harmonischen Zustand mit der Natur vor dem Ein­dringen der ‚modernen’ Welt lebend.“ (S.245)

„Die Position der Tiefenökologie versucht, die gesellschaftliche Wahrneh­mung vom ökonomistischen Verständnis der Natur wegzurücken. Der Na­tur wird ein innerer Wert beigemessen, anstatt nur eine schlichte Ressource für den Menschen zu sein.“ (S.245)

 

Die Autoren äußern Sympathie für bestimmte Ansichten der Tiefenöko­logie: für die Hervorhebung der hintergründigen Querverbindungen und der Komplexität der Natur, für die Ablehnung menschlicher Überheblich­keit und für die Erkenntnis, dass die Menschen nichts weiter sind als eine unter Millionen von Arten auf der Welt und nicht die göttlich (oder selbst-) ernannten Herren der Schöpfung (S. 246). Abzulehnen seien aber der philo­sophische Idealismus der Tiefenökologie und die Vorstellung von der Na­tur als einem auf eine ideale Weise funktionierenden Superorganismus, der in einem großen Gleichgewicht existiert, wenn er nicht vom Menschen gestört wird (S. 247).

 

Eine Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse und darauf aufbauende Vorschläge zum Umbau der Gesellschaft fehlen bei den Tiefenökologen. „Veränderung wird zu einer Angelegenheit der Anpassung von Werten und der Entwicklung der geeigneten Öko-Moral, davon ausgehend werden dann, so wird vermutet, Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur folgen.“ (S.247)

 

Im Gegensatz zu den Tiefenökologen mit ihrer Annahme eines statischen Gleichgewichts in der Natur heben die Autoren den „kontinuierlichen Wandlungsprozess“ der Natur (S. 248) hervor.

„Alle Elemente des Lebens verändern sich. Nahezu 99,99 Prozent aller Arten, die jemals existiert haben, sind ausgestorben. Ebenso gibt es keinen Beweis für Behauptungen von Harmonie und Gleichgewicht mit der äuße­ren Welt. Die Umweltveränderung wird fortschreiten. Natur- und Gesell­schaftsgeschichte sind in konstanter Bewegung.“ (S. 259)

 

 

(Textauswahl und Anmerkungen von Helmut Rehbock, 4.9.2012)