Buchvorstellung und Diskussion

Vortragstext vom 8.12.2013 von Helmut Rehbock: 

David Harvey (geb. 1935) ist Geograph und Sozialtheoretiker. Er begann seine akademische Laufbahn in England und lehrt seit mehreren Jahren in den USA. Harvey hat mehrere Bücher zu den Themen Stadt und Kapitalismus veröffentlicht.


Zum Vorwort: Henri Lefebvres Vision

In seinem Vorwort bezieht sich Harvey auf den französischen Soziologen Henri Lefebvre und speziell auf seinen Essay von 1967 „Das Recht auf Stadt“.  Dieses Recht ist für Harvey ein kollektives Recht, die Stadt zu gestalten (S. 28). Hier möchte ich die Frage stellen, ob es nicht zugleich ein individuelles Recht auf menschenwürdiges Wohnen und Leben in der Stadt ist, unabhängig von demokratischen Mehrheitsentscheidungen. Das Recht auf Stadt muss immer wieder eingefordert werden, weil die Realität meist ganz anders aussieht: Die Stadt wird bestimmt von Grundbesitz, Kapital und Politik, also von Minderheiten, deren Interessen sich nicht mit denen der Mehrheit decken. Aus dem Widerspruch zwischen diesen ungerechten Zuständen und dem Bestreben, dem Recht auf Stadt Geltung zu verschaffen, entstehen immer wieder Auseinandersetzungen, Protest­aktionen und Hausbesetzungen. Im Extremfall gibt oder gab es rebellische Städte.

Harvey stellt sich die Aufgabe, die urbane Dimension revolutionärer antikapita­listischer Bewegungen herausarbeiten, auch weil er glaubt, dass dies von den radikalen Linken bisher vernachlässigt wurde. Die klassische industrielle Arbeiter­klasse sei geschwächt; man müsse stärker diejenigen betrachten, die damit beschäftigt sind, „das urbane Leben herzustellen und aufrechtzuerhalten“ (S. 17), z. B. Bauarbeiter, Techniker, Lieferanten, aber auch schlecht bezahlte Hilfskräfte und frei schaffende Künstler. Dieses sogenannte Prekariat habe in unserem Teil der Welt das traditionelle Proletariat ersetzt. Es sei zu klären, wie „diese verschiedenen Gruppen sich zu einer revolutionären Kraft organisieren könnten“ (S. 17). An­scheinend benutzt Harvey den Begriff „Prekariat“ hier nicht in dem allgemein üblichen Sinn, sondern eher so ähnlich wie Negri und Hardt den Begriff „Multi­tude“. Jedenfalls fordert er – was die Stadt betrifft – „die Bildung einer starken antikapitalistischen Bewegung, die die Transformation des städtischen Alltags zum Hauptziel hat“ (S. 20). Dieses Ziel wiederum ist für Harvey eingebettet in die überaus schwierige Aufgabe, den Kapitalismus insgesamt zu überwinden.


Zu Kapitel 1: Das Recht auf Stadt

Die Stadtentwicklung (=Urbanisierung) wird durch die Klassenverhältnisse geprägt. Die Überschüsse, die bei der Kapitalakkumulation z. B. in Fabriken erzielt werden, können profitabel im Städtebau angelegt werden. Dadurch werden wieder neue Überschüsse erwirtschaftet, also Kapital akkumuliert. Das kann solange fortgesetzt werden, bis z. B. eine Krise im Bau- und Immobilienbereich dies stoppt (Entwertung von Immobilien, Konkurse usw.). Im Ganzen wird durch Investi­tionen in die Stadtentwicklung das Ausmaß von Profit, Spekulation und Krisen beträchtlich erweitert.

Harvey führt historische Beispiele an, als erstes den Umbau von Paris unter Napoleon III. Dieser machte 1853 den Politiker Haussmann zum Präfekten von Paris und Umgebung und beauftragte ihn mit einer radikalen Umgestaltung der Stadt. Alte, kleinräumige Strukturen wurden zerstört, die Bewohner umgesiedelt, um Platz zu schaffen für breite Boulevards, Kaufhäuser, Markthallen und Messe­gelände. Dafür mussten Kredite aufgenommen werden und ein neues Banken­system etabliert werden. Das ging zunächst gut, endete aber 1868 in einer heftigen Krise. In der Folge kam es zum deutsch-französischen Krieg, zur Niederlage und zum Aufstand der Pariser Kommune 1871. Dieser Aufstand, meint Harvey, habe sich nicht nur gegen die kapitalistische Ausbeutung im Allgemeinen gerichtet, sondern auch gegen die Zerstörung städtischer Strukturen und der mit ihnen verbundenen sozialen Beziehungen in der Nachbarschaft oder im Stadtviertel.

Harvey betont dabei auch, dass durch die Urbanisierung neue Arbeitsplätze geschaffen werden und dadurch die sozialen Verhältnisse für eine längere Zeit stabilisiert werden. Das traf auch auf die USA nach dem Zweiten Weltkrieg zu. Ehemalige Soldaten mussten beschäftigt werden, und ein beträchtlicher Teil des Kapitals, das bis dahin in der Kriegswirtschaft gebunden war, suchte neue Anlage­möglichkeiten. Architekten wie Robert Moses entwarfen nach den Vorbild von Haussmann Konzepte zum radikalen Umbau der Städte, aber in einem viel größe­ren Maßstab. Denn durch die massenhafte Verfügbarkeit von Autos konnten leichter Entfernungen überwunden werden. Schnellstraßen wurden gebaut und unzählige Vorstadtsiedlungen mit Eigenheimen. Die Suburbanisierung hatte begonnen.

Damit wurde zunächst eine soziale Befriedung in großem Umfang erreicht, Beschäftigung und Einkommen nahmen zu. Auch für Facharbeiter waren Auto und Eigenheim im Grünen erschwinglich, wenn auch auf Kredit. Das hatte für die Unternehmer den Vorteil, „dass verschuldete Hausbesitzer nicht streiken“ (S. 100). Durch die Aushöhlung und Vernachlässigung der Stadtzentren wuchs aber dort langsam die Unzufriedenheit der finanzschwachen Einwohner, und so kam es Ende der 1960er Jahre zu Krawallen und Aufständen in vielen amerikanischen Städten. Schließlich platzte 1973 die Blase auf dem Immobilienmarkt (S. 39).

Die jüngste Blase auf dem US-Immobilienmarkt wurde ebenfalls durch die Suche nach profitablen Anlagemöglichkeiten für überschüssiges Kapital hervorgerufen. Neu daran war, dass die Urbanisierung globale Dimensionen bekommen hatte. Ohne die gigantischen Summen, die in den USA angelegt wurden, z. B. von der chinesischen Staatsbank, wären die historisch niedrigen Zinssätze zu Beginn des Hypothekenbooms gar nicht möglich gewesen. Nach Harvey wurde der Weltmarkt „zumindest teilweise durch die urbane Expansion und die Immobilienspekulation in den Vereinigten Staaten stabilisiert“ (S. 40). Das galt natürlich nur bis zum Platzen dieser Blase.

Auch nach der Krise von 2007-2009 wird weiterhin überschüssiges Kapital welt­weit in den Immobilienmarkt investiert, auch wenn nennenswertes Wirtschafts­wachstum eher in Schwellenländern wie China oder Indien stattfindet. In diesen Ländern konnte in den letzten Jahren beobachtet werden, wie sich als Folge der Urbanisierung der Lebensstil bei den Menschen mit gutem Einkommen geändert hat. Harvey schreibt dazu (S. 45): „In einer Welt, in der Konsumismus, Tourismus, Kultur- und Wissensindustrien und eine ständige Flucht in die Ökonomie des Spektakels zu wesentlichen Aspekten der urbanen politischen Ökonomie geworden sind, ist städtische Lebensqualität, wie auch die Stadt selbst, zu einer Konsumware für Menschen mit Geld geworden.“

Nach der neoliberalen Wende haben sich weltweit die Unterschiede zwischen Arm und reich enorm vergrößert. Dazu ein Zitat von Harvey auf  S. 47: „Die Folgen dieser sich verschärfenden Polarisierung bei der Verteilung von Reichtum und Macht haben die räumliche Gestaltung unserer Städte unauslöschlich geprägt. Es entstehen immer mehr verschanzte Fragmente, geschlossene Wohnanlagen und öffentliche Räume unter ständiger Überwachung.“ Durch die Fragmentierung der Stadt wirkt „die Vorstellung, die Stadt könne als kollektives politisches Gemein­wesen funktionieren, als Ort, an dem progressive soziale Bewegungen entstehen können, ... zumindest nach außen hin, immer unwahrscheinlicher“ (S. 48).

Eine weitere aktuelle Tendenz ist in Stadtteilen zu beobachten, die aus der Sicht von Investoren und Spekulanten im Wert gestiegen sind, z. B. der Stadtteil Kreuz­berg in Berlin. In ursprünglich preisgünstigen Stadtvierteln, werden Immobilien zunehmend von wohlhabenderen Eigentümern und Mietern belegt und baulich aufgewertet. Bewohner mit einem niedrigeren Sozialstatus werden ersetzt oder verdrängt. Betroffen sind innenstadtnahe Stadtteile von Großstädten, aber auch Gebiete, in denen sich ursprünglich fast nur Industrieanlagen befunden haben und die durch Sanierungen und eine neue Infrastruktur aufgewertet wurden.

Diese Tendenz wird oft als Gentrifizierung bezeichnet. Sie ist keine Erfindung des Neoliberalismus. Im England des 18. Jahrhunderts waren Angehörige des niederen Adels (Gentry) vom Rand der Städte zurück in die Zentren gezogen und hatten dadurch finanzschwache Einwohner verdrängt. Auch die Umgestaltung von Paris durch Haussmann im 19. Jahrhundert wurde von Gentrifizierung begleitet. Harvey zeigt, dass die Kommentare, die Friedrich Engels dazu 1872 in seiner Schrift „Zur Wohnungsfrage“ gegeben hat, auch auf manche städtische Entwicklungen unserer Zeit zutreffen. Deshalb stellt Harvey auch die Frage: „Was ist mit unserer Version der Pariser Kommune?“ (S. 58) Er nennt einige Beispiele für den Widerstand gegen kapitalistische Urbanisierungen und Ansätze für Alternativen, aber Näheres dazu kommt erst im übernächsten Kapitel.


Zu Kapitel 2: Die urbanen Wurzeln kapitalistischer Krisen

In diesem Kapitel geht es um die urbanen Wurzeln kapitalistischer Krisen. Die urbane Wirtschaft ist nicht nur von der gesamten Volkswirtschaft abhängig, sondern sie wirkt ganz spezifisch auf die Gesamtwirtschaft zurück. Dies wird nicht nur von etablierten Ökonomen ausgeblendet, sondern auch von marxistischen Kritikern in ihren Analysen vernachlässigt.

Marx hat die allgemeinen Bewegungsgesetze des Kapitals analysiert, besonders die Produktion des Mehrwerts, und er hat dabei einige Faktoren der Wirtschaft als nebensächlich ausgeklammert. Harvey meint, dass in Ergänzung der Marxschen Analyse das Kreditsystem genauer untersucht und „in die allgemeinen Bewegungs­gesetze des Kapitals einbezogen werden“ (S. 81) müsse. Denn ohne das Kredit­system sei die urbane Wirtschaft nicht richtig zu erklären.

Dazu benutzt Harvey den Begriff des fiktiven Kapitals. Es wird nicht – wie das eigentliche Kapital – direkt zur Gewinnung von Mehrwert eingesetzt. Ein Beispiel für fiktives Kapital ist das Geld, das Banken verleihen, um daran zu verdienen. Kredite von Banken spielen für Fabrikanten und Händler eine wichtige Rolle. Im Handel geschieht eine Zirkulation, das ist nach Marx die Verwandlung des Werts von der Warenform in die Geldform. Beteiligt sind z. B. der Fabrikant, der Laden­besitzer und der Konsument. Zirkulation hat nichts mit Transport zu tun. Oft ereignen sich beide zur gleichen Zeit, sie können aber auch völlig unabhängig von einander ablaufen. .

Eine Bank als Kreditgeber schafft keinen Mehrwert. Ihr Profit kommt aus der Teilhabe am Mehrwert, den der Kreditnehmer erzeugt oder der ihm aufgrund seiner Geschäftsbeziehungen anteilmäßig zusteht.

Auch ein Mietshaus erzeugt keinen Mehrwert. Die Mieten müssen aus Löhnen, Lohnersatzeinkommen oder Profiten bezahlt werden. Trotzdem wird dem Miets­haus ein bestimmter Ertragswert zugeschrieben, der sich nach den real eingenom­menen oder auf dem Markt erzielbaren Mieten richtet. Dieser Vorgang nennt sich Kapitalisierung. Dazu Harvey (S. 87): „Einem Einnahmestrom, der von einem Vermögenswert wie Land, Immobilien, einer Aktie oder Anderem stammt, wird ein Kapitalwert zugeordnet, zu dem er gehandelt werden kann, abhängig von den Zins- und Diskontsätzen, die von Angebot und Nachfrage auf dem Geldmarkt bestimmt werden“.

Das theoretische Problem beim fiktiven Kapital ist, dass es zum Teil indirekt an der Erzeugung von Mehrwert beteiligt sein kann. Aber es scheint kaum möglich zu sein, dies quantitativ näher zu bestimmen. Die praktischen Probleme ergeben sich daraus, dass der größte Teil des fiktiven Kapitals lediglich einen Anspruch auf einen Teil des vorhandenen oder noch zu produzierenden Mehrwerts darstellt.

In einer Krise ist der gesamte vorhandene Mehrwert nicht groß genug, um die auf der Grundlage von fiktivem Kapital erwarteten Profite letztendlich zu realisieren. Immobilien und Aktien verlieren an Wert, Firmen und Banken machen Pleite, wenn sie nicht mit Steuergeldern gerettet werden.

Die Hauptverlierer der Immobilienkrise von 2007 in den USA waren aber diejenigen, die Häuser auf Kredit gekauft hatten und die Raten nicht mehr bezahlen konnten. Die Zwangsräumungen waren zum Teil illegal, zum Teil waren sie die Folge von exorbitant hohen Gebühren, die die Immobilienhaie den arglosen Käufern in die Verträge hineingeschummelt hatten – gut versteckt im Klein­gedruckten. Für Harvey sind das Beispiele einer Akkumulation durch Enteignung. Für die kapitalistische Klasse als Ganze wird durch diese räuberischen Praktiken der Mehrwert vergrößert (S. 112). Die Summe der verfügbaren Lohneinkommen wird verringert, also das, was für die Reproduktion von Arbeitskraft ausgegeben werden kann.

Die Urbanisierung, so Harveys These, die er seit langem vertritt, „war durch die gesamte Geschichte des Kapitalismus ein entscheidendes Mittel für die Absorption von Kapital- und Arbeitskräfteüberschüssen. Aufgrund der langen Arbeitsperioden und Umschlagszeiten sowie der langen Laufzeiten der meisten Investitionen in Bauprojekte hat sie eine ganz spezielle Funktion in der Dynamik der Kapital­akkumulation“ (S. 88). Weil diese Aktivitäten „so langfristig sind, ist eine Kombi­nation aus Finanzkapital und staatlichem Engagement wesentlich für ihr Funkti­onieren“ (S. 88). Ein weiteres besonderes Merkmal ist das häufig auftretende Miss­verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage bei Wohn- und Gewerbeimmobilien. Ein Grund liegt darin, dass hier die Produktions- und Zirkulationszeit im Vergleich zu anderen Waren sehr lang ist (S. 93). Ein zweiter Grund ist, dass „der existieren­de handelbare Immobilienbestand ... groß  [ist] im Vergleich zu dem, was neu produziert werden kann. Das Gesamtangebot an Wohnraum ist daher relativ un­elastisch im Vergleich zu den volatilen Veränderungen der Nachfrage“ (S. 94).

Harvey führt weiter aus, dass staatliche Maßnahmen und finanzielle Anreize zur Erhöhung der Nachfrage nur in einem äußerst geringen Umfang zu einer Erhöhung des Angebots führen. Statt dessen lassen sie die Preise steigen und begünstigen die Spekulation. Als Beispiel nennt Harvey (S. 95) den Markt mit den Subprime-Hypotheken (also mit schlecht abgesicherten Hypotheken) in den USA. Dessen Umfang stieg seit Mitte der 1990er Jahre bis zum Jahr 2005 um das 20-fache! Es ist leicht einzusehen, dass die reale Bautätigkeit da nicht mithalten konnte und dass es zu einer Krise kommen musste.

Harvey weist darauf hin; dass es zyklische Krisen im Bau- und Immobilienbereich bereits im 19. Jahrhundert gegeben hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie durch die vorherrschende keynesianische Wirtschaftspolitik abgeschwächt, zum Teil verschwanden sie ganz. Nach dem Ende des Keynesianismus mussten diese Krisen zwangsläufig wieder auftreten.


Zu Kapital 3        Die Schaffung der urbanen Allmende

In Stadt und Land hat es neben Privatbesitz und Staatseigentum schon immer kol­lektives Eigentum gegeben, das von den Nutzern selbst verwaltet wurde, z. B. die Weiden von Bergbauern. Elinor Ostrom, eine amerikanische Wirtschaftswissen­schaftlerin, hat Beispiele in Vergangenheit und Gegenwart in ihrem Buch „Die Verfassung der Allmende“ analysiert. Sie hat den Nachweis geführt, dass jenseits von Markt und Staat ein nachhaltiger Umgang mit natürlichen Ressourcen auf der Basis von Selbstverwaltung – und im Sinne des Allgemeinwohls – organisiert werden kann. (S. 129)

Für Harvey ist die Unterscheidung zwischen öffentlichen Räumen und öffentlichen Gütern einerseits und den Gemeingütern andererseits sehr wichtig. Er schreibt:

„Öffentliche Räume und Güter in der Stadt waren schon immer eine Angelegenheit der Staatsmacht und öffentlichen Verwaltung und bilden nicht notwendigerweise Gemeingüter“ (S. 136).

Die neuen sozialen Initiativen, die sich um Gemeingüter oder – mit einem anderen Wort – Commons bemühen, sieht Harvey als sehr wesentlich für eine Umgestal­tung der Städte im antikapitalistischen Sinne an. Er weist darauf hin, dass zwar bei Kollektiven von mehreren hundert Mitgliedern eine nichthierarchische Organi­sation und Entscheidungsfindung gut funktioniert, dass aber bei mehreren Zehn­tausend Menschen eine andere Organisationsform mit Delegation und mehreren Entscheidungsebenen gefunden werden muss. (S. 130) Harvey betont das, weil es unter Linken eine starke Abneigung gegen Hierarchien gibt, trotzdem müsse man ohne Denkverbote nach geeigneten Lösungen suchen.

Bei urbanen Gemeingütern ist eine Organisation von Nutzern als demokratische Selbstverwaltung besonders schwierig. Denn in den Städten ist die Zusammen­setzung der Einwohner oft sehr heterogen, verglichen mit den Bergbauern oder Fischern in Elinor Ostroms Beispielen. Harvey schlägt deshalb einen zweigleisigen politischen Angriff auf die herrschenden Verhältnisse vor:

„Der Staat muss gezwungen werden, mehr und mehr öffentliche Güter für öffent­liche Zwecke zur Verfügung zu stellen, und die Bevölkerungsgruppen müssen sich selbst organisieren, um diese Güter auf eine Art und Weise in Besitz zu nehmen, zu nutzen und zu ergänzen, die die Qualität der nichtkommodifizierten und ökolo­gischen Gemeingüter sowie die Gemeingüter der sozialen Reproduktion erweitert und verbessert“ (S.161).


Zu Kapitel 4                 Die Kunst der Rente

Kultur wird oft als Bereicherung für die Allgemeinheit empfunden, in diesem Sinne gehört sie zu den Gemeingütern. Andererseits werden Erzeugnisse kultu­reller Tätigkeit, z. B. Filme oder Gemälde, auch als Waren gehandelt. Ihr Wert hängt sehr von ihrer Besonderheit oder Einmaligkeit ab. Wenn ein Hobby-Künstler Sonnenblumen malt, kann er damit kein großes Geld verdienen. Dagegen ist van Goghs Bild mit den Sonnenblumen mehrere Millionen Euro wert. Solch ein be­rühmtes und einzigartiges Bild erzeugt im Handel Monopolprofite. Eine sehens­werte Stadt mit historischen und künstlerisch gestalteten Bauwerken wie Prag oder Florenz bringt dementsprechend Monopolrenten hervor bei Immobilien und Miet­wohnungen.

Ein solches Ensemble von Kunstwerken verdanken wir nicht nur hervorragenden Künstlern, sondern auch der städtischen Umgebung, in der sie gelebt haben. Ihre Kennzeichen sind vielfältige soziale Beziehungen und eine anregende Atmosphäre. Die Vermarktung von Kultur kann auch zu einer Einschränkung oder Gefährdung ihres ästhetischen Werts führen, z. B. durch einen überhand nehmenden Touris­musbetrieb und ähnliche kommerzielle Auswirkungen.

Zwischen der Marktfähigkeit von kulturellen Produkten und der Erhaltung ihrer Einzigartigkeit besteht also ein widersprüchliches Verhältnis. Manchmal ist der Umgang mit Nachahmungen kommerziell ähnlich erfolgreich wie der Besuch der Originale; man denke nur an die verschiedenen Disneylands. Auch in Städten mit historischen und künstlerisch wertvollen Gebäuden kann es zu Veränderungen im Sinne einer besseren Konsumierbarkeit kommen, dafür benutzt Harvey den Aus­druck „Disneyifizierung“. Trotz globaler Konkurrenz bleiben städtische und regio­nale Monopole unverzichtbar. Sie bilden geradezu die Grundlage dafür, sich in der Konkurrenz zu behaupten.

Die Förderung städtischer Kultur mit dem Hintergedanken von Monopolrenten kann einen Freiraum für lokale Initiativen schaffen, in dem sich auch oppositio­nelle Bewegungen bilden können. Harvey führt einige Beispiele für lokale linke Bewegungen an, z. B. Porto Alegre in Brasilien, wo 2001 das Weltsozialforum stattgefunden hat.


zu Kapitel 5       Die Stadt für den antikapitalistischen Kampf zurückerobern

Harvey erwähnt eine Reihe von Städten, in denen antikapitalistische Erhebungen und Massenproteste stattgefunden haben, auch aktuelle Beispiele wie die auf der Plaza del Sol in Madrid und dem Syntagma-Platz in Athen. Er äußert die Vermu­tung, dass einem „weltweiten urbanen Netzwerk zahlreiche politische Möglichkei­ten zur Verfügung stehen, die von progressiven Bewegungen noch nicht erschlos­sen worden sind“ (S. 205).

Denn Städte sind nicht nur Schauplätze von oppositionellen Bewegungen, sondern ihre Eigenschaften beeinflussen auch den Verlauf politischer Kämpfe. Massenhafte Protestaktionen haben höhere Erfolgschancen, wenn sie sich auf die städtischen Ökonomien auswirken. Als Beispiel führt Harvey einen Gesetzentwurf in den USA an, durch den im Frühjahr 2006 illegale Einwanderer kriminalisiert werden sollten. Durch massive Protestaktionen der Betroffenen, die faktisch auf einen Streik hin­ausliefen, wurden die ökonomischen Aktivitäten in Los Angeles und Chicago im Grunde stillgelegt und auch in anderen Städten stark beeinträchtigt. Dadurch konn­te das Gesetz verhindert werden, und es entstand ein dauerhaftes Bündnis einge­wanderter Arbeiter.

Städtische Protestbewegungen verlaufen häufig unstetig. Sie können schnell entstehen, sich rasch ausweiten oder auch schnell unter Kontrolle gebracht werden. In verschiedenen Städten können sie zwar von außen betrachtet ähnliche Ziele verfolgen (z. B. in Madrid oder in Athen), aber trotzdem in ihrer Massenbasis, ihrem politischen Umfeld und in ihrem Verlauf sehr unterschiedlich sein. Harvey meint, dass trotzdem zu fragen ist, ob Kämpfe um die Qualitäten und Perspektiven städtischen Lebens als grundlegend für eine antikapitalistische Politik anzusehen seien (S. 210).

Linke Politik hat ihre Wurzeln in der Arbeiterbewegung, also im Produktions­bereich, urbane soziale Bewegungen dagegen beziehen sich eher auf den Repro­duktionsbereich, sie können aber auch mit dem Kampf um Bürgerrechte verbunden sein. Von daher können sich Verständigungsprobleme und Differenzen über die zu erreichenden Ziele ergeben (S. 211).

Harvey analysiert die herkömmlichen revolutionären Strategien zur Überwindung des Kapitalismus. Sowohl die neueren staatszentrierten Ansätze (die sich deutlich von den alten Konzepten des Leninismus/Stalinismus absetzen) als auch die An­sätze, die zunächst abseits vom Staat autonome Räume in der Gesellschaft erobern und ausweiten wollen, lassen viele Fragen offen. Für Harvey besteht „ein einfaches strukturelles Dilemma: Wie kann die Linke die Notwendigkeit, sich aktiv in die kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten der Wertbestimmung auf dem Weltmarkt ein­zubringen, mit dem Entwurf einer Alternative zu eben diesen Gesetzen verbinden, während sie die vereinigten Arbeiter dabei unterstützt, sich selbst zu verwalten und demokratisch und kollektiv darüber entscheiden, was sie auf welche Weise produzieren werden?“ (S. 221)

Daraus ergibt sich als eine Aufgabe linker Politik, in den Städten den Aufbau alternativer Organisationsstrukturen zu unterstützen, in Zusammenarbeit mit Gewerkschaften, Nachbarschaftsgruppen und anderen Initiativen. Harvey stellt die Schlüsselfrage: „Wie organisiert man denn nun eine Stadt?“ (S. 235) – im alternativen, antikapitalistischen Sinne – und muss zugeben, dass es darauf keine allgemeingültige Antwort gibt. Er schildert ausführlich die Kämpfe von Stadtbewohnern in Bolivien in den Jahren 2000 – 2005 (S. 244 – 259), so dass man daraus Schlüsse ziehen kann. Aber was davon in Deutschland umsetzbar ist, das müssen wir schon selbst herausfinden.