Tomasz Konicz über sein Buch "Aufstieg und Zerfall des Deutschen Europa"

Am 22.05.2016, 11.00 Uhr, Donnerschweer Str. 55 (ALSO)

Thomas Konicz ist freier Journalist und Buchautor. Viele seiner Beiträge lassen sich auf www.heise.tp („Telepolis“) nachlesen.

Thomas Konicz zeichnet in seinem Buch die Entwicklungen nach, die in der Vergangenheit zu der so deutlichen Vormachtstellung Deutschlands in Europa geführt haben. Er analysiert dabei die Wechselwirkungen zwischen der Hartz Gesetzgebung, der Senkung der Unternehmenssteuern und der Einführung des Euros, die letztendlich zu einem massiven Anstieg der deutschen Exporte geführt haben.

Er zeigt, dass dieses Zusammenspiel, auf dem Hintergrund einer sowieso schon hohen deutschen Produktivität, zu einer chronischen Außenhandelsbilanzverschuldung der süd- und westeuropäischen Länder führen musste. „In der Zeitspanne zwischen Euroeinführung und dem vierten Quartal 2013 erreichte Deutschland gegenüber den südeuropäischen Krisenstaaten einen kumulierten Leistungsbilanzüberschuss von 429,5 Milliarden Euro. Wie gesagt, bis zur Einführung des Euro kamen die südeuropäischen Länder, …, ganz ohne Leistungsbilanzdefizite gegenüber der BRD aus.“ Dabei dokumentiert er, wie diese wachsende Verschuldung im Rahmen der Finanzkrise zu einer Schuldenknechtschaft wurde, der die betroffenen Länder nicht ohne Schuldenstreichung entkommen können. Doch gerade der Schuldenschnitt wird ihnen von Seiten der deutschen Politik verweigert.

Nach Thomas Konicz muss diese Entwicklung verstanden werden, als eine Facette der weltweiten Defizitkonjunktur, die gegen Ende der siebziger Jahre einsetzte. Im Mittelpunkt dieser Defizitkonjunktur steht die USA, die sich aufgrund ihrer ökonomischen und militärischen Dominanz, aber auch aufgrund des Dollars als Weltwährung, nahezu ungestraft immer massiver verschulden konnte. Dabei wurde der staatliche Keynesianismus durch eine Privatisierung der Schulden in Form von Kreditkarten, Immobilien und verschiedenster Anleiheformen ersetzt. Doch selbst die Finanzkrise hat an dieser Defizitkonjunktur nichts geändert, denn: „Allein zwischen 2008 und 2013 ist der globale Schuldenberg, allen Sparbemühungen Schäubles zum Trotz, von 180 Prozent auf 212 Prozent der Weltwirtschaftsleistung geklettert.“

Als eigentlichen Grund für diese Verschuldungsdynamik benennt Thomas Konicz die erhöhte gesellschaftliche Produktivität. Der wachsenden Menge erzeugter Waren steht die sinkende Zahl notwendiger Arbeitskräfte und eine fallende Lohnhöhe gegenüber. Dadurch verliert die kapitalistische Produktionsweise einen Teil der Grundlagen, auf der sie beruht. Dieser fundamentale Charakter der Krise schließt jede (kurzfristige) Lösung aus, führt aber auf internationaler Ebene zu einem Wiedererstarken rechter, nationalistischer Bewegungen, die darauf setzen, die eigene Nation vor Einbußen zu verschonen. Kein guter Ausgangspunkt für die Entwicklung linker, internationalistischer Antworten auf die Chronizität der Krise.

Zur Vorbereitung auf die Veranstaltung können folgende Zusammenfassungen dienen:

http://www.heise.de/tp/artikel/44/44423/2.html

http://www.heise.de/tp/artikel/44/44497/1.html 

Zur Person: Thomas Konicz ist freier Journalist und Buchautor. Viele seiner Beiträge lassen sich auf www.heise.tp („Telepolis“) nachlesen. Im Mittelpunkt seiner Beiträge steht die ökonomische Entwicklung in Europa und in der Welt (336 Beiträge), die politische Entwicklung in Osteuropa und besonders in der Ukraine (mit 106 Beiträgen). Aktuell verfolgt er u.a. intensiv die US amerikanischen Vorwahlen und die Auseinandersetzungen um die Nominierung des oder der demokratischen Präsidentschaftskandidatin.

Einen Überblick über seine Artikel findet sich unter: www.konicz.info