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Dr. Gerald Munier: Von der Oktoberrevolution 1917 bis zum Scheitern des Sowjetkommunismus – Geschichte, Kritik, Deutung

19.11.17, 11.00 Uhr, ALSO Zentrum, Donnerschweerstr. 55

Wenn sich ein so bedeutsames Ereignis wie die Oktoberrevolution in Russland zum 100. Mal jährt, ist es sinnvoll, sich zunächst noch einmal den historischen Prozess als solchen zu vergegenwärtigen.

Wieso war es überhaupt möglich, dass sich in einem so rückständigen Land wie dem damaligen Russland eine radikale Partei wie die Bolschewiki durchsetzen und den Sozialismus ausrufen konnte? Wie standen die Chancen, den revolutionären Weg fortsetzen zu können, nachdem in den führenden westlichen Industriestaaten nach dem Ersten Weltkrieg überall bürgerlich-demokratische Kräfte an die Macht gelangten, die dem Sozialismus feindlich gegenüberstanden? Warum verfestigte sich in Sowjetrussland unter Stalin schließlich ein despotisches Regime, welches von der sozialistischen Zielsetzung immer weiter abrückte?

Diese und zahlreiche weitere Fragen stellen sich, wenn man begreifen will, warum auch im nach-stalinistischen Sowjetreich kein Weg gefunden wurde, sich aus der wirtschaftlichen Stagnation herauszuarbeiten und eine dauerhafte Alternative zum Kapitalismus zu begründen, die sich durch ein Mehr an Demokratie und eine vernünftig geplante Ökonomie auszeichnet.

Der Referent, Dr. Gerald Munier aus Bielefeld, ist Lehrbeauftragter für Geschichtsdidaktik und hat sich seit ersten wissenschaftlichen Forschungen über die Sowjetgesellschaft in den 1980er-Jahren immer wieder mit der Thematik des Ostblocks bzw. des „realen Sozialismus“ (wie ihn seine Anhänger titulierten) auseinandergesetzt.

 

Veranstaltungsreihe "Von der Russischen Revolution zum autoritären Staatskapitalismus":

Am 5. 11. stellte Klaus Heeren das Buch "Russland 1917" vor. Autor ist der führende Historiker für osteuropäische Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg, Helmut Altrichter. Dabei stellte sich die Frage: "Hatte die Demokratie nach westlichem Vorbild im Russland des Jahres 1917 eine realistische Perspektive?"

Am 19. 11. wird Gerald Munier über das Scheitern des Sowjetkommunismus referieren. Er macht verschiedene Faktoren dafür verantwortlich. Zu den äußeren Faktoren gehören das Ausbleiben von Revolutionen in den führenden kapitalistischen Ländern, die militärischen Interventionen westlicher Staaten im Bürgerkrieg 1918 - 1921, der Überfall durch das nationalsozialistische Deutschland 1941 und der Kalte Krieg mit dem kostspieligen Rüstungswettlauf zwischen USA und Sowjetunion. In der Wirtschaft wirkte sich verheerend aus, dass das anfängliche Bündnis der Partei mit den Bauern im Laufe des Bürgerkriegs zerbrach und danach keine freiwillige Kollektivierung der Landwirtschaft mit entsprechender Erhöhung der Produktivität erreicht werden konnte.

Ein wichtiger interner Faktor war 1917 das ungünstige Verhältnis der Arbeiterschaft (4-5 Mill.) zur bäuerlichen Bevölkerung (160 Mill.). Die Kommunistische Partei als Vertreterin des Proletariats geriet immer mehr in eine Minderheitsposition und konnte sich nur mit diktatorischen Methoden an der Macht halten. Dadurch verlor sie weiter an Zustimmung und war im Grunde nur noch für Karrieristen und macht-orientierte Aufsteiger attraktiv. Dieses enorme Defizit an Demokratie war einer der wesentlichen Gründe für den Zusammenbruch des Sowjetkommunismus.

Am 3. 12. wird Helmut Rehbock den heutigen autoritären Staatskapitalismus in China, Indien und Russland skizzenhaft darstellen. Diese Staaten nehmen eine besondere Stellung in der Weltwirtschaft ein, die geprägt ist von selektiver Kooperation und strategischer Konfrontation mit den USA und der EU. Ihr Gesellschaftsmodell wirkt weltweit als Alternative zum liberalen Finanzkapitalismus des Westens. Grundlage des Vortrags sind Texte u. a. von Tobias ten Brink („Blinde Flecken – Zur makrosoziologischen Analyse nicht-liberaler Kapitalismen im globalen Süden" über China und Indien) und Felix Jaitner („Einführung des Kapitalismus in Russland").