Care-, Sorgearbeit, soziale Verelendung oder solidarische Umkehr?

Diskussion mit Gabriele Winker über ihr Buch "Care-Revolution".
Wann und Wo: Freitag, 26.02.16, 20 Uhr, PFL (Peterstr. 3)

Am 28.2., 11.00 Uhr, wird die Nachbereitung der Winker-Veranstaltung oder eine Fortsetzung der dort geführten Diskussion im ALSO-Zentrum in der Donnerschweerstr. 55 stattfinden.

Weitere Themen werden anschließend die Gestaltung der Webseite des Linken Forums und die Planung des weiteren Programms im Frühjahr 2016 sein.

Diskussion über "Care-Revolution"

in Zusammenarbeit mit der Arbeitsloseninitiative Oldenburg und der Rosa Luxemburg Stiftung Niedersachsen

             

Nennen wir es Care-, Sorgearbeit, Fürsorge, Helfen, Solidarität, gegenseitige Hilfe - Sich Kümmern, ob um Kinder, Alte, Kranke, Arbeitslos- und Obdachlose, Flüchtlinge, Freunde, Mitmenschen, ist ein zentrales Moment menschlicher Tätigkeit und vermutlich dasjenige, was die Gesellschaft am lebenswertetesten macht. Diese Tätigkeiten sollten deshalb, denkt man darüber nach, was eine vernünftige Gesellschaft und gutes Leben für alle ausmacht, im Mittelpunkt stehen.

Das Gegenteil ist leider der Fall. Sich kümmern ist riskant. Auf individueller Ebene, wo es überwiegend von Frauen erledigt wird, die deshalb weniger Lohn verdienen, weniger „wichtige“ gesellschaftliche Positionen innehaben und kleinere Renten beziehen. Auf gesellschaftlicher Ebene, weil Sich Kümmern Kosten bedeutet, weil Staatsausgaben Kostennachteile sind, sie womöglich Steuererhöhung verursachen und weil Kapital dann in andere Länder abwandert. Sich Kümmern muss zwar irgendwie erledigt werden, aber am besten kostenneutral durch privates Engagement oder niedrigentlohnt, so der faktische politische Konsens. Entsprechend gehandelt wurde angesichts scheinbar explodierender Ausgaben im Gesundheitswesen: Zwischen 1991 und 2010 wurde die Fallzahl im Krankenhaus um 20 % gesteigert, die Verweildauer um 40 % gesenkt und die Zahl der Pflegekräfte um knapp 10 % verringert. Der allseits bekannten Unterversorgung mit AltenpflegerInnen wurde und wird durch „Deprofessionalisierung“ begegnet, d.h. durch vermehrten Einsatz von un- und angelernte Pflegekräfte. Die Folgen sind eindeutig: HelferInnen in der Pflege hatten 2011 die dritthöchste Häufigkeit an Burnout Erkrankungen, ausgebildete Pflegekräfte die fünfthöchste Rate.

Staatlich wird Sich Kümmern nur dann finanziell unterstützt, wenn dadurch neue Arbeitskräfte für die industrielle Produktion geschaffen werden: ob als totale Einbeziehung von Frauen und Erwerbslosen in den Arbeitsmarkt (z.B. durch Versorgung mit KITAs oder Änderung des Unterhaltsrechts), ob als Förderung naturwissenschaftlicher Erziehung im Kindergarten, ob als MINT Programme an den Schulen und Universitäten. Paradox formuliert könnte man sagen: Man kümmert sich, damit die Leute - meist die Mütter - sich nicht mehr um das Sich Kümmern kümmern können.

Und dieser Unterschied zwischen der Ökonomie des Sich Kümmerns und der Ökonomie der Produktionsmittel- und Konsumgüterindustrie nimmt zu: die Tariflohnhöhen in beiden Bereichen entfernen voneinander, eine gewerkschaftliche Vertretung im Sich Kümmern Sektor ist kaum vorhanden und wird auch nicht geduldet, der vorhandene Arbeitsstress steigt und steigt. Parallel dazu dringen private Unternehmen in den Sich Kümmern Bereich ein: alleine im Krankenhauswesen wuchs ihr Anteil von 15 % auf 35 %. Rehabilitationskliniken und Altenheime, die zeitlich später gegründet wurden, sind ganz überwiegend in privater Hand. Und private Träger ergänzen mittels des Knüppels der offenen Konkurrenz den staatlichen Willen zur Kostensenkung, so dass sich letztendlich alle Entscheidungen auf die eine und einzige, triviale wie brutale reduzieren: ob sich denn die Pflege oder Behandlung für das „Haus“ ökonomisch „darstellen“ lässt oder nicht.

So gerät das Sich Kümmern, als Zeichen von Humanität, in einen wachsenden Widerspruch zur ökonomischen Rationalität. Hier der ungebändigte Zwang zur Kapitalakkumulation, der nur die grenzenlose Vermehrung des Wertes akzeptiert, dort die individuelle und soziale Wirklichkeit des sich Kümmern-Müssens und -Wollens, die keine Gewinnorientierung, sondern eine Orientierung am möglichst menschlichem Maße kennt. Sich Kümmern bedeutet für Kapitalakkumulation „Kostenkrankheit“, da nur begrenzt rationalisierbar, ohne direkte Ersetzbarkeit von Menschen durch Maschinen und konfrontiert mit der Eigenzeit und -logik der von Hilfe Abhängigen. Kapitalakkumulation bedeutet dagegen Kontrolle: über die physische Produktionszeit, über maximal schnellen Umsatz der Waren, über eine Entgrenzung der Produktion aus der Logik der Naturvorgänge in Richtung automatisierter und sterilisierter Fabrik. Und als stählerner Antriebsriemen der Kapitalakkumulation zwingt die den Menschen wie ein Naturgesetz auferlegte ökonomische Konkurrenz zum Abbau der Steuern, zur Minimierung der sozialen und Gesundheitskosten und zur Einschränkung jeder Lebenszeit außerhalb des Lohnarbeitsprozesses.

Genau dieser Widerspruch befördert Inhumanität ins Zentrum des Sich Kümmerns: Bei gesetzlich verankerter schwarzer Null für öffentliche Haushalte bedeutet Privatisierung der Gesundheits-versorgung und Altenpflege Pflegequalitätsmanagement mit Minuten getreuer Erfassung jeder Basisleistung und ohne Zeit für ein Wort mit den zu Pflegenden. Bedeutet „untere Grenzverweil-dauer“ im Krankenhaus die vorzeitige Entlassung der Patienten nach Hause. Bedeutet die Gefahr des zukünftig schlechten Zensurenschnitts den permanenten Antrieb, den Kindern schon im frühesten Alter strategisch wichtige „Skills“ einzutrichtern. Bedeutet - bei faktischer Rentenkürzung - die heutige Teilzeitarbeit oder der vorübergehende Ausstieg aus der Karriereleiter (mit gewonnener Zeit für Kinder, Eltern und Freunde) im Resultate Altersarmut. Und warum das riskieren, wenn es auch anders geht: mit der „Polin“, die bei Ganztagseinsatz für die Betreuung noch billiger ist als das Pflegeheim, oder mit neu eröffneten Pflegeheimen z.B. in Bulgarien, wo doch Demenzerkrankte sowieso nichts mehr merken („Vergleichen Sie Seniorenheime und Pflegeeinrichtungen in Bulgarien mit Preisen auf www.Wohnen-im-Alter.de“). Solche ethnische Segmentierung des Arbeitsmarktes war immer schon ein Zeichen reaktiver Inhumanität innerhalb der „Klasse“ und durch den Widerspruch zwischen dem Sich Kümmern Müssens und dem Zwang zur maximalen Lohnarbeitszeit sickert sie schleichend in die Poren der europäischen Integration, um das (in den USA) schwarze Hausmädchen durch die (in Deutschland) osteuropäische Haushaltshilfe zu ersetzen.

Und trotzdem bleibt die Einsicht bestehen, dass Sich Kümmern ein Maßstab jeder solidarischen Gesellschaft sein wird. Wir müssen also diskutieren, inwiefern es an der Zeit ist, eine neue politische Offensive auf dem Gebiet des Sich Kümmerns zu initiieren. Eine Debatte, die die Gemeinsamkeiten zwischen Kindererziehung, Pflege im Gesundheitssektor und im Altenheim, zwischen Arbeitslosen- und Migrantenberatung, zwischen Flüchtlingsbetreuung und meist weiblicher Fürsorge im Haushalt erkennt. Und diese als Grundprinzip einer Gesellschaft verteidigt gegen den Angriff durch neoliberale Haushaltspolitik, Hunger der Unternehmen nach Produktivkraftentwicklung, Standortkonkurrenz und staatlicher Ausrichtung der Ausbildung in Richtung MINT.

Das Linke Forum Oldenburg möchte diese Debatte aufnehmen in einem gemeinsamen Prozess, der sich an dem Buch von Gabriele Winker „Care-Revolution“ (2015) orientiert. Wir wollen dieses Buch in mehreren Schritten diskutieren und zwar am 24.01.16, am 14.02.16 und dann am 26.02.16 zusammen mit Gabriele Winker. Wir laden alle Menschen ein, diese Diskussion, die durch die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung der letzten Jahrzehnte führt, aber auch auf Marxsche und feministische Grundeinsichten referiert, mit zu entwickeln.

Vortragsfolien 

ein 12-seitiger Artikel dazu von G. Winker, sowie weitere zum Thema in "Das Argument", Heft 292 von 2011

und was zum Anhören: